Wie entstand ORGANON?

Die Konzipierung von ORGANON nahm ihren Anfang in der Arbeit einer Gruppe von Wissenschaftler*innen des Berliner Exzellenzclusters TOPOI, die für die innere Vernetzung und Kooperation auf theo­re­ti­scher Ebene zustän­dig waren. Auslöser für das Projekt war die Beobachtung, dass Missverständnisse und unauf­ge­löste Kontroversen im Cluster in unter­schied­li­chen Verwendungen zen­tra­ler Begriffe begrün­det waren.

Interdisziplinäre Forschungsverbünde wer­den mit dem Ziel ein­ge­rich­tet, die Gegenstände der Forschung tief­grei­fen­der und kom­ple­xer zu erfas­sen als dies in ein­zel­nen Disziplinen mög­lich ist. Dieser Mehrwert ist aber ver­küpft mit einer Vervielfältigung der Möglichkeiten zu Missverständnissen und Irritationen. Um die ange­streb­ten Synergieeffekte inter­dis­zi­pli­nä­rer Arbeit den­noch rea­li­sie­ren zu kön­nen, arbei­tete das Gründungsteam einen auf wis­sen­schaft­li­che Praxis aus­ge­rich­tete Ansatz aus, der zum einen zu einer Karte begriff­li­cher Verhältnisse im Cluster führte, zum ande­ren ein spe­zi­ell auf inter­dis­zi­pli­näre Anforderungen zuge­schnit­te­nes Begriffslexikon umfasste. Damit sollte ein inhalt­lich ver­bin­den­der Rahmen geschaf­fen wer­den, in dem ein Austausch zwi­schen den Disziplinen mög­lich ist und frucht­bar wird. Ein sol­cher Rahmen erfor­dert im Kern, dis­zi­plin­spe­zi­fi­sche Begriffsverwendungen offen­zu­le­gen, so dass Missverständnissen vor­ge­beugt oder sie zumin­dest aus­ge­räumt wer­den kön­nen, und unter­schied­li­che Perspektiven so auf­zu­schlüs­seln, dass die jewei­lige Art des Zugriffs auf die Phänomene nach­voll­zieh­bar gemacht wird.

Mit die­sem Online-Begriffslexikon wurde sehr gezielt ein Werkzeug geschaf­fen, das der Orientierung in unter­schied­li­chen Begriffslandschaften dient. Vom alt­grie­chi­schen ὄργανον (Werkzeug) her wurde ent­spre­chend der Name ORGANON gewählt.

Während der Ausarbeitung und tech­ni­schen Entwicklung von ORGANON wurde schnell klar, dass das Motiv, einen über­sicht­li­chen Zugang zu kon­tro­ver­sen Begriffen zu ver­schaf­fen, auf Kürze der ein­schlä­gi­gen Textabschnitte zie­len müsse. Es soll­ten keine Handbuchartikel ver­fasst, son­dern eine Orientierung im theo­re­ti­schen Begriffsraum von Forschungsverbünden mög­lich gemacht wer­den – mit Anspruch auf Relevanz, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Des wei­te­ren wurde deut­lich, dass eine Perspektive auf die Sache und eine Perspektive auf Diskurse klar zu tren­nen sind und dass der spe­zi­fi­sche Zugang von ORGANON darin bestehen müsse, dis­kur­sive Kontexte zu erläu­tern, um – durch wech­sel­sei­ti­ges Verständnis – theo­re­ti­sche Kontroversen zu ver­sach­li­chen und frucht­bar wer­den zu las­sen.
Damit kon­tu­rierte sich die spe­zi­fi­sche, von ande­ren Lexika zu unter­schei­dende Form von ORGANON: Gegenstände sind nicht – wie in Fachlexika – Sachen (die dann jeweils in dis­kur­siv und dis­zi­pli­när begrenz­ter Weise erläu­tert wer­den) und auch nicht eine zufäl­lige Ansammlung von his­to­ri­schen und defi­ni­to­ri­schen Aspekten (wie etwa in Wikipedia), son­dern Diskurse, die je eigene Varianten der Begriffsverwendung prä­gen.

Mit der ent­schie­de­nen Fokussierung auf Diskurse erfüllt ORGANON eine Funktion, die kein ande­res Nachschlagewerk bis­her bereit­stellt: näm­lich dar­zu­stel­len, wie ein Wort in unter­schied­li­chen Gebrauchszusammenhängen ein­ge­setzt wird. Den Begriff des Diskurses bestimm­ten wir dabei durch das Kriterium der wir­kungs­ge­schicht­li­chen Kontinuität. Die ein­zel­nen Textabschnitte zu Diskursen wur­den ent­spre­chend auf die Form ‚x gebraucht y in der Weise z‘ ver­pflich­tet. Dabei bedeu­tet x einen Diskurs, eine dis­kur­sive Tradition oder auch einen dis­kursprä­gen­den Text, y den behan­del­ten Begriff in sei­nen unter­schied­li­chen Wortgestalten (wobei das Kriterium für die Begriffseinheit die dis­kur­sive Kohärenz ist) und z die Bedeutung oder Gebrauchsweise des Wortes in dem jewei­li­gen Diskurs bzw. Kontext.

Kandidaten für Begriffe im ORGANON sind ent­spre­chend alle Worte, die in unter­schied­li­chen theo­re­ti­schen bzw. wis­sen­schaft­li­chen Diskursen vor­kom­men und dort jeweils unter­schied­lich gebraucht wer­den. Für eine Orientierung in den immer wei­ter anwach­sen­den und unüber­sicht­li­cher wer­den­den Theorielandschaften der unter­schied­li­chen Disziplinen, die zuneh­mend auf Zusammenarbeit ange­wie­sen sind, wird ein Überblick über die Verwendung von Begriffen in Diskursen eine bedeu­tende Hilfestellung leis­ten.