Staat

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STAAT

(von lat. sta­tus: Stand, Zustand; ital. stato, franz. état (estat), engl. state)

Version 1.0 (08.06.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Das latei­ni­sche Wort sta­tus mit der Bedeutung Zustand, Lage, Verfasstheit ver­langte gram­ma­ti­ka­lisch ein Genitivattribut: sta­tus rei publi­cae; sta­tus civi­ta­tis – ‘Zu-Stand des Gemeinwesens’. Bereits in der Antike konnte gele­gent­lich das Attribut weg­fal­len und mit die­ser sprach­li­chen Ellipse ein poli­ti­sches Gemeinwesen direkt adres­siert wer­den. (KÖSTERMANN 1937; SUERBAUM 1961) Als eine Verwendung in theo­re­ti­scher Absicht lässt sich diese sprach­li­che Verschiebung aber erst im 16. Jahrhundert nach­wei­sen: Mit dem Wegfall des Attributs wurde es mög­lich, das poli­ti­sche Gemeinwesen nicht mehr als Zustand von etwas, son­dern als eigene Ordnungsgestalt zu deno­tie­ren. Die Verwendung von sta­tus / stato für ein poli­ti­sches Gemeinwesen spe­zi­fi­scher Art wird zumeist Machiavelli oder den anschlie­ßen­den Diskursen zuge­schrie­ben. (BOLDT u.a. 1990, 9) Das fran­zö­si­sche ‘état’ geht auf die Französisierung von sta­tus zu ‘estat’ im 13. Jahrhundert zurück. [WK]

Quellen:
KÖSTERMANN, Erich. „’Status’ als poli­ti­scher Terminus in der Antike“. Rheinisches Museum Für Philologie 86(3) (1937), 225–240. www.jstor.org/stable/41243415 (besucht am 16.10.2020).
SUERBAUM, Werner. Vom anti­ken zum früh­mit­tel­al­ter­li­chen Staatsbegriff. Über Verwendung und Bedeutung von res publica, regnum, impe­rium und sta­tus von Cicero bis Jordanis. Münster 1961. 
BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte








  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Ein struk­tur­theo­re­ti­scher Staatsbegriff ent­stand im 16. Jahrhundert im Diskurs der neu­zeit­li­chen poli­ti­schen Theorie als das Wort stato zu einem Nomen wurde, das ohne Attribut ste­hen und damit eine selb­stän­dige Sache bezeich­nen konnte. Das poli­ti­sche Gemeinwesen wurde nicht mehr nur als Zusammenschluss von Einzelnen oder Haushalten auf­ge­fasst, son­dern als ein Ordnungsgefüge eige­ner Art, ein quasi-natür­li­cher Strukturzusammenhang, mit dem zu rech­nen ist, der unter­sucht, ver­stan­den, aber auch tech­nisch mani­pu­liert wer­den kann. (MACHIAVELLI 2007, I 9 und 15) In die­sem Diskurs wurde der Staat als Maschine und Apparat (JUSTI zitiert nach WEINACHT 1968, 200) und als eigen­stän­di­ger Körper und Organismus (BOLDT u.a. 1990, 28), kon­zep­tua­li­siert. Als geglie­derte Ganzheit bedeu­tete er auch die Ständeordnung (wobei es zu kom­ple­xen ety­mo­lo­gi­schen Überschneidungen von stareste­hen zu Zustand/ Stand kam). (WEINACHT 1968, 174) In Bezug auf den Hof- und den Fürstenstaat bezeich­nete Staat ins­be­son­dere das Finanzwesen, aber auch das Personal, die Ländereien, die Hofhaltung, die Hofordnung und alles, was von ihr abhän­gig war. (BRUNNER, CONZE und KOSELLECK 1990, 12) In der Folge wurde der Staatsbegriff eng an den Verwaltungsapparat, das Beamtentum und die Bürokratie gekop­pelt. Staat wurde zu einer juris­ti­schen Person, die geschä­digt, der genutzt und der gedient (Staatsdiener) wer­den kann. Als ent­per­so­na­li­sierte und selb­stän­dige Struktursphäre “dau­er­haf­ter Institutionen” (HWPh 39.455) konnte Staat zu einem Gegenstand auch wis­sen­schaft­li­cher Betrachtung wer­den, so dass der Begriff die Möglichkeit einer Staatslehre (JELLINEK 1900) und Staatssoziologie begrün­dete. (WEBER 1956) [WK]

      Quellen:
      BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
      MACHIAVELLI, Niccolo. Il Principe/Der Fürst. Stuttgart 2007. 
      JUSTI, Johann Heinrich Gottlob: Die Chimäre des Gleichgewichts von Europa, Altona 1758, S.47f (zitiert nach Weinacht 1968, S. 200). 
      WEINACHT, Paul-Ludwig. Staat. Studien zur Bedeutungsgeschichte des Wortes von den Anfängen bis ins 19. Jh. Berlin 1968. 
      JELLINEK, Georg. Allgemeine Staatslehre. Berlin 1900. doi: https://doi.org/10.1007/978–3‑642–50936‑0
      WEBER, Max. Staatssoziologie. Berlin 1956. 
    2. In einem herr­schafts­theo­re­ti­schen Diskurs der Neuzeit ver­knüpft ein macht­po­li­ti­scher Staatsbegriff das Konzept mit dem Thema der Zentrierung von Macht (Absolutismus), der Staatsraison (Ragione di Stato), der Souveränität und des Gewaltmonopols.(BOLDT u.a. 12ff.) Staat bedeu­tet in die­ser Diskursvariante das Medium und das Instrument der Herrschaftsausübung gemäß der Grundfrage: Wie kann Herrschen gelin­gen? Von Machiavelli über Bodin und Hobbes bis hin zu Nietzsche und Carl Schmitt wurde der Staatsbegriff durch diese Rahmung geprägt. (BOLDT u.a. 1990, 92; HWPH 39.452 ff.) In der für moder­nes Staatsrechtdenken über­aus wirk­mäch­ti­gen Begriffsanalyse Jellineks bil­det die Staatsgewalt eines der drei kon­sti­tu­ti­ven Elemente (neben Territorium und Staatsvolk; Drei-Elemente-Lehre) (JELLINKEK 1990, 394ff.); ebenso zen­tral, auch das Kriterium der Territorialität affi­zie­rend, in Max Webers wirk­mäch­ti­ger Staatsdefinition: “Staat ist die­je­nige mensch­li­che Gemeinschaft, wel­che inner­halb eines bestimm­ten Gebietes – dies: das „Gebiet“, gehört zum Merkmal – das Monopol legi­ti­mer phy­si­scher Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) bean­sprucht.” (WEBER 2010, 89) Die Kopplung des Staatsbegriffs an das Thema der Zentrierung und Monopolisierung von Herrschaft und Gewalt bedingt einen epo­chen­be­zo­ge­nen Staatsbegriff, in dem der “Ordnungsbegriff Staat” (SCHMITT 1958, 378) sich aus­schließ­lich auf eine Entwicklung der abend­län­di­schen Geschichte bezie­hen lässt, die nach Anfängen im 16. Jahrhundert ins­be­son­dere seit der fran­zö­si­schen Revolution von 1789 ihre eigent­li­che Form annahm Der Staatsbegriff bezeich­net in Bezug auf diese Epoche eine nach außen poli­tisch und ter­ri­to­rial scharf abge­grenzte und nach innen durch Staatsgewalt homo­ge­ni­sierte poli­ti­sche Entität. In die­sem Kontext steht auch die wis­sen­schaft­li­che Auseinandersetzung um der Berechtigung einer Applikation des Staatsbegriffs auf das Mittelalter bzw. um die Konturierung von Staat als ein Phänomen, das die mit­tel­al­ter­li­che Gesellschaftsordnung ablöste (LexMA 1995, 2152; HWdPh 39.450ff.; REYNOLDS 1997 und 2003; DAVIS 2003) In die­ser Debatte ste­hen sich Vertreter des macht­po­li­ti­schen, epo­chen­be­zo­ge­nen Staatsbegriffs und Vertreter des struk­tur­theo­re­ti­schen Staatsbegriffs gegen­über. [WK]

      Quellen:
      BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
      DAVIS, Rees. The Medieval State: The Tyranny of a Concept? Journal of Historical Sociology, 2 (2003), 280–300.
      LexMA. Eintrag „Staat“. In: Lexikon des Mittelalters (Online), Bd. 7. München 1995, 2151–2158.
      HWdPh „Staat“. In: Ritter, Joachim (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10. Basel 1998, 39.450f.
      JELLINEK, Georg. Allgemeine Staatslehre. Berlin 1900. doi: https://doi.org/10.1007/978–3‑642–50936‑0
      REYNOLDS, Susan. The Historiography of the Medieval State. In: Bentley, Michael (Hrsg.). Companion to Historiography. London/New York 1997, 117–138.
      REYNOLDS, Susan. There were States in Medieval Europe. A Response to Rees Davies. Journal of Historical Sociology, 4 (2003), 550–555.
      SCHMITT, Carl. Staat als kon­kre­ter, an eine geschicht­li­che Epoche gebun­de­ner Begriff. In: Ders.. Verfassungsrechtliche Aufsätze aus den Jahren 1924–1954. Materialien zu einer Verfassungslehre. Berlin 1958 (1941). 375–384.
      WEBER, Max. Politik als Beruf. Berlin 2010. 
    3. In einem aris­to­te­li­schen und christ­lich-natur­recht­li­chen Diskurs bin­det ein gemein­wohl­ori­en­tier­ter Staatsbegriff Staat an die ‘gemein­same Sache’ (res publica), an Gemeinwohl (bonum com­mune), Schutz und das aris­to­te­li­sche Strebensziel der eudai­mo­nia (‘Glückseligkeit’) – seit dem 16. Jahrhundert auch in expli­zi­ter Abgrenzung zum herr­schafts­be­zo­ge­nen Staatsbegriff und in anti-machia­vel­lis­ti­scher Absicht. Aristoteles hatte nur sol­che poli­ti­schen Gemeinschaften als Staaten bezeich­net, denen, über ein zweck­ori­en­tier­tes Bündnis (z.B. Schutzbündnisse, Handelsbündnisse) hin­aus, das Strebensziel gemein­sa­mer Verwirklichung von “gutem Leben” inhä­rent ist. (ARISTOTELES, 1280 a,b) Im Mittelalter domi­niert eine Verwendung im Kontext von ‘gutem Regieren’, der “Regentenpflicht ‘bonum sta­tum civi­ta­tis et epi­scopa­tus regere guber­nare et sal­vare’ ”. (WEINACHT 1968, 55) Konzepte der Sorge (cura), der Wohlfahrt, des public good und des bien du peu­ple prä­gen sich dann im Europa des 17. und 18. Jahrhundert dis­kurs­be­stim­mend aus (so bei Keckermann (dazu: WEBER 1992, 110), Pufendorf, Leibniz, Locke, Wolff und im Eintrag ‘Etat (Droit Polit)’ der Encyclopédie (JAUCOURT 1756). (KOGGE 2021) Im Deutschen geht dem Staatsbegriff der wohl­fahrts­ori­en­tierte Begriff des “gemei­nen Wesens” (für res publica) vor­aus, des­sen Konnotate nur all­mäh­lich, und unter Widerständen, im 18. Jahrhundert auf den Staatsbegriff über­gin­gen, voll­endet dann bei dem Kameralisten Johann H.G. v. Justi, exem­pli­fi­ziert im Titel sei­nes Werkes Die Grundfeste zu Macht und Glückseligkeit der Staaten. (JUSTI 1760) In die­ser Tradition wurde Staat auch im 19. Jahrhundert auf­ge­fasst als Vergemeinschaftung, deren Grundsatz nicht nur “gegen­sei­tige Beschützung”, son­dern auch die Ausbildung von “Sittlichkeit” (im Sinne von Ethos) ist. (KRÜNITZ 1835) Dieser zen­trale Bedeutungsaspekt drückt sich nicht nur in der christ­li­chen und sozia­lis­ti­schen Staatslehre des spä­ten 19. Jahrhunderts (STEIN 1850), son­dern noch im 20. Jahrhundert im Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts zu Sealand aus, das die­ser künst­li­chen, mini­ma­len poli­ti­schen Konstruktion die Anerkennung als Staat u.a. mit dem Hinweis ver­wei­gert, dass für den Begriff Staat nicht nur ein “Zusammenschluß zwecks Förderung gemein­sa­mer Hobbys und Interessen […], son­dern eine im wesent­li­chen stän­dige Form des Zusammenlebens i. S. einer Schicksalsgemeinschaft”, ver­bun­den mit der Absicht, “mit­ein­an­der zu leben und damit alle Bereiche des Lebens gemein­sam zu bewäl­ti­gen” – eine Lebensform, die in die­sem Fall nicht gege­ben sei. (VERWALTUNGSGERICHT KÖLN, 03.05.1978, Az. 9 K 2565/77)

      Quellen:
      ARISTOTELES. Politik. N. d. Übers. v. Franz Susemihl m. Einl., Bibl. u. zus. Anm. hrsg. v. Wolfgang Kullmann, Reinbek bei Hamburg 1994. 
      JAUCOURT, Chevalier Louis de. „Etat (Droit polit.)“ In: Édition Numérique Collaborative et Critique de l’Encyclopédie. Band VI. Paris 1756. S. 19 ff. http://enccre.academie-sciences.fr/encyclopedie/article/v6-39–4/ (besucht am 24.05.2021)
      JUSTI, Johann Heinrich Gottlob. Die Grundfeste zu der Macht und Glückseeligkeit der Staaten. Königsberg/Leipzig 1760. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10688045‑5
      KRÜNITZ, Johann Georg. „Staat“. In: KRÜNITZ, Johann Georg. Oeconomische Encyclopädie oder all­ge­mei­nes System der Staats‑, Stadt‑, Haus- u. Landwirthschaft. Bd. 162. Berlin 1835, S. 351–451. http://www.kruenitz1.uni-trier.de (Besucht am 24.05.2021).
      KOGGE, Werner. ‘Die Bedeutung des Begriffs ‘Staat’. Eine kri­te­rio­lo­gisch-begriffs­ge­schicht­li­che Synopse’. In: Zur Begriffsgeschichte des Begriffs ‘Staat’ und sei­ner Verwendung in der Altorientalistik – ein Begriffsbericht (gemein­sam mit Eva Cancik, Jörg Klinger, Aron Dornauer, Tomoki Kitazumi und Lisa Wilhelmi). Preprint Nr. 3 der DFG-Kollegforschungsgruppe 2615: “Zwischen Demokratie und Despotismus; Governance-Strategien und Partizipationsformen im Alten Orient”. https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/rod/Publikationen/Pre-Prints/index.html (2021)
      STEIN, Lorenz von. Geschichte der sozia­len Bewegungen in Frankreich von 1789 bis auf unsre Tage. Leipzig 1850. 
      VERWALTUNGSGERICHT KÖLN. 03.05.1978, Az. 9 K 2565/77. In: Deutsches Verwaltungsblatt (1978), S. 510 ff. 
      WEINACHT, Paul-Ludwig. Staat. Studien zur Bedeutungsgeschichte des Wortes von den Anfängen bis ins 19. Jh. Berlin 1968. 
      WEBER, Wolfgang. Prudentia gube­ma­to­ria: Studien zur Herrschaftslehre in der deut­schen poli­ti­schen Wissenschaft des 17. Jahrhunderts. Tübingen 1992. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
    LexMA. Eintrag „Staat“. In: Lexikon des Mittelalters (Online), Bd. 7. München 1995, 2151–2158.
    HWdPh „Staat“. In: Ritter, Joachim (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10. Basel 1998, 39.450f.
    KOGGE, Werner. ‘Die Bedeutung des Begriffs ‘Staat’. Eine kri­te­rio­lo­gisch-begriffs­ge­schicht­li­che Synopse’. In: Zur Begriffsgeschichte des Begriffs ‘Staat’ und sei­ner Verwendung in der Altorientalistik – ein Begriffsbericht (gemein­sam mit Eva Cancik, Jörg Klinger, Aron Dornauer, Tomoki Kitazumi und Lisa Wilhelmi). Preprint Nr. 3 der DFG-Kollegforschungsgruppe 2615: “Zwischen Demokratie und Despotismus; Governance-Strategien und Partizipationsformen im Alten Orient”. https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/rod/Publikationen/Pre-Prints/index.html (2021)
  4. Weiterführende Links
  5. WIKTIONARY. „Staat“. In: Wiktionary, das freie Wörterbuch. https://de.wiktionary.org/w/index.php?title=Staat&oldid=8351464 (Besucht am 24.05.2021).

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Staat“, Version 1.0, 08.06.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

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Governance

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GOVERNANCE

Version 1.0 (18.05.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Das seit dem 13. Jahrhundert belegte governaunce/ gover­nance schreibt die gesamte Bandbreite des latei­ni­schen Verbs guber­nare und des grie­chi­schen Verbs κυβερνάω (kybernáo) fort. Von der Grundbedeutung des Lenkens, Steuerns und Führens eines Schiffs wur­den schon in der Antike poli­ti­sche (Regierungsführung), öko­no­mi­sche (Haushaltsführung) und mora­li­sche (Lebensführung) abge­lei­tet, ebenso konnte der Begriff in Kontexten der Medizin (Diät) zur Anwendung kom­men. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte









  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der eng­li­schen und fran­zö­si­schen Bildungssprache vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert wird unter governaunce/governance Regierung im Sinne von Regierungsaus­übung ver­stan­den. Governaunce/ gover­nance bezeich­net dabei zum einen die Instanz, die de facto die Macht in Händen hält, zum ande­ren die Art und Weise der Ausübung, so dass von good und bad gover­nance die Rede sein kann. (DUNHAM/ WOOD, 744, 752; ROTULI, 464) Die Ausübung der Regierung ist in die­sem Diskurs stets mit der all­ge­mei­nen Vorstellung von Leiten und Steuern asso­zi­iert: der Begriff umfasst auch die christ­li­che Lebensführung, die Führung des Haushalts, die Führung von Schiffen und mili­tä­ri­schen Einheiten, die Selbstbeherrschung, die medi­zi­ni­sche Diät und mecha­ni­sche Steuerungen. [WK]

      Quellen:
      DUNHAM William Huse, Jr., WOOD Charles T.. The Right to Rule in England: Depositions and the Kingdom’s Authority, 1327–1485. The American Historical Review, Volume 81, Issue 4, October 1976, Pages 738–761, https://doi.org/10.1086/ahr/81.4.738
      DUPONT-FERRIER, Gustave. Le mot « Gouverner » et ses déri­vés dans les insti­tu­ti­ons fran­çai­ses du Moyen Âge. In: Journal des savants, Mars-avril 1938. pp. 49–60; https://doi.org/10.3406/jds.1938.2974
      EEBO. “gover­nance”. In: Early English Books, online. https://quod.lib.umich.edu/… (Besucht am 16. Mai 2021). 
      MED. “governaunce”. In: Middle English Dictionary, online. https://quod.lib.umich.edu/… (Besucht am 12. Mai 2021). 
      ROTULI PARLIAMENTORUM; UT Et Petitiones, Et Placita In Parliamento. 5: Ab Anno Decimo Octavo R. Henrici Sexti ad Finem eius­dem Regni. London 1769 ff. [1461]
    2. Im wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs der Institutionenökonomie bezieht sich Governance auf Strukturen, Institutionen und Organisationen, die ein­ge­rich­tet wer­den, um koor­di­niert und öko­no­misch erfolg­reich zu agie­ren. Hintergrund die­ser Verwendung ist die im Liberalismus geprägte Überzeugung, dass das Regulierungssystem in der Ökonomie allein das von Markt und Preis ist. In Absetzung von die­ser Doktrin führt Ronald Coase 1937 das Konzept der Firma als koor­di­nier­tes System ein (ohne den Begriff Governance zu ver­wen­den). (COASE) Dem System des Marktes wird die Organisation der Firma als ein zwei­tes Regulierungssystem an die Seite gestellt. Als Oliver Williamson seit den 1990er Jahren Coases Einsatz zu einer Theorie des Corporate Governance aus­baut, ent­steht ein Diskurs, der Governance gene­rell in Zusammenstellungen wie “insti­tu­ti­ons of gover­nance (mar­kets, hybris, hier­ar­chies, bure­aus)”, “gover­nance struc­tures” und “mecha­nisms of gover­nance” (WILLIAMSON, 5) ver­wen­det. Governance bedeu­tet hier: Regulierung durch ein System. [WK]

      Quellen:
      COASE, Ronald. “The Nature of the Firm”. In: Economica. 16.4 (1937), 386–405
      WILLIAMSON, Oliver E. The Mechanisms of Governance. New York 1996. 
    3. Im Diskurs der Politikwissenschaften wird Governance seit den 1990er Jahren in zwei unter­schied­li­chen Bedeutungen ver­wen­det: Zum einen bezeich­net hier Governance eine dem klas­si­schen Bild von staat­li­cher Machtausübung (government) ent­ge­gen­ge­setzte Form des Regierens. In die­sem Sinne wird Governance “zur Bezeichnung der Gesamtheit aller in einem Gemeinwesen bestehen­den und mit­ein­an­der ver­schränk­ten Formen der kol­lek­ti­ven Regelung gesell­schaft­li­cher Sachverhalte benutzt” (MAYNTZ 2010, 38). Der poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Diskurs ver­wen­det Governance aber zugleich auch unspe­zi­fisch “als Oberbegriff aller Formen sozia­ler Handlungskoordination”: “Governance umfasst die Gesamtheit der zahl­rei­chen Wege, auf denen Individuen sowie öffent­li­che und pri­vate Institutionen ihre gemein­sa­men Angelegenheiten regeln. […] Der Begriff umfasst sowohl for­melle Institutionen und mit Durchsetzungsmacht ver­se­hene Herrschaftssysteme als auch infor­melle Regelungen” (BENZ 2010, 17). Die Parallelität von Oberbegriff und auf spe­zi­elle Regulierungsweisen rekur­rie­ren­dem Begriff führt inner­halb der poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Diskurse zu eini­gen Schwierigkeiten in der Begriffsverständigung. (BENZ 2010 u. SCHUPPERT 2007) [WK]

      Quellen:
      BENZ, Arthur. „Einleitung“. In ders. u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010, 12–28.
      SCHUPPERT, Gunnar Folke. „Was ist und wozu Governance?“ In: Die Verwaltung. Zeitschrift für Verwaltung und Verwaltungswissenschaften. 40. Band (2007), 463–511.
      MAYNTZ, Renate: „Governance im moder­nen Staat“. In: Arthur Benz u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004.), 37–48.
  2. Literatur zum Begriff
  3. Arthur BENZ u. Nicolai DOSE (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004). 
    BEVIR, Mark (Hrsgg.). The SAGE Handbook of Governance. London 2011. 
    MAYNTZ, Renate: „Governance im moder­nen Staat“. In: Arthur Benz u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004.), 37–48.
    SCHUPPERT, Gunnar Folke. Einleitung. In: ders. u. Michael Zürn (Hrsgg.). Governance in einer sich wan­del­den Welt. Wiesbaden 2008, 13–42.
  4. Weiterführende Links
  5. WERDER, Axel von. „Cooporate Governance“. In: Gabler Wirtschaftslexikon. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/corporate-governance-28617/version-367554 (Besucht am 17. Mai 2021). 
    WIKIPEDIA Autor:innen. “Governance”. In: Wikipedia, The Free Encyclopedia, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Governance&oldid=1011927890 (Besucht am 17. Mai 2021). [Anmerkung WK: In den bei­den im Wikipedia-Artikel (engl.) als ein­schlä­gig ange­führ­ten Werken je mit dem Titel The gover­nance of England (Plummer 1885 und Low 1914) fin­det, im Widerspruch zu der im Artikel ange­deu­te­ten Relevanz die­ser Quellen, der Begriff kaum Verwendung jen­seits des Titels. ] 
    KREMS, Burkhardt. „gover­nance“. Version 1.21 (16.05.2021). In: Online-Verwaltungslexikon. https://olev.de/g/governance.htm

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Governance“, Version 1.0, 18.05.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30646

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Regelungsregime

ORGANON ter­mi­no­logy tool­box (von gr. ὄργανον: Werkzeug) ist ein Instrument zur Orientierung in der Landschaft inter­dis­zi­pli­när rele­van­ter Begriffe und Theorien. Mit weni­gen Blicken fin­den Sie hier einen Überblick über rele­vante Diskurse, Grundlagentexte und wei­ter­füh­rende Links.

REGELUNGSREGIME

auch: Regelregime, Regelungssystem, Steuerungsregime, Regelungsstruktur, Governance-Regime, regu­la­tory regime, sys­tème régle­men­taire, régime réglementaire

Version 1.0 (12.05.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Die bei­den Glieder des Kompositums ‘Regelungsregime’ kom­bi­nie­ren zwei Ausdrücke aus dem Feld des Lenkens, Leitens, Steuerns und Führens. ‘Regel’ und ‘Regime’ stam­men beide vom latei­ni­schen Verb regere ‘gera­de­rich­ten, len­ken, lei­ten’; fran­zö­sisch régime ist ver­mit­telt über das latei­ni­sche regi­men: Herrschaftsform (übers. v. gr. arché, z.B. bei Thomas von Aquin) (AQUIN, 64). Entsprechend der dort bereits ange­leg­ten Bedeutungsbreite konnte das fran­zö­si­sche Nomen schon im 15. und 16. Jahrhundert die Form der Regierungsführung, die Administration von Institutionen (z.B. Klöster), die Lebensführung und die medi­zi­ni­sche Diät bezeich­nen, seit dem 18. Jahrhundert auch tech­ni­sche Prozesse in ihrer Funktionsweise. (DdMF) Die Verdopplung im Kompositum bringt das Bewusstsein zum Ausdruck, dass zur Regelung eines Sachbereichs eine Mehrzahl von Regeln auf­ein­an­der abge­stimmt und zu einer ‘Ordnung’, einem ‘System’ oder ‘Regime’ ver­knüpft wer­den müs­sen. Regelregime, regu­la­tory regime und régime régle­men­taire sind heute stan­dard­mä­ßig Übersetzungen von­ein­an­der. [WK]

Quellen:
AQUIN, Thomas von. Kommentar zur Politik des Aristoteles. Sententia libri Politicorum, 1 Freiburg 2015. 
Dictionnaire du Moyen Français (1330–1500). http://www.atilf.fr/dmf/definition/régime (zuletzt besucht am 07.05.2021)

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte

















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde régime régle­men­taire im Diskurs der fran­zö­si­schen Physiokraten ver­wen­det. Gemäß die­ser Lehre sollte sich die Wirtschaft einer natür­li­chen Ordnung gemäß, frei von staat­li­chen Reglements ent­fal­ten kön­nen. (ONCKEN, 172 ff.) Régime régle­men­taire bezeich­nete in die­sem Kontext das ältere, mer­kan­ti­lis­ti­sche System der Regulierung der Wirtschaft durch Privilegien, Monopole und staat­li­che Steuerung (z.B. LE TROSNE). [WK]

      Quellen:
      ONCKEN, August. Geschichte der Nationalökonomie. Hand und Lehrbuch der Staatswis-sen­schaf­ten in selb­stän­di­gen Bänden. 1. Band. Leipzig 1902. 
      LE TROSNE, Guillaume-François. De l’ordre social, ouvrage suivi d’un traité élé­men­taire sur la val­eur, l’ar­gent, la cir­cu­la­tion, l’in­dus­trie & le com­merce inté­ri­eure & exté­ri­eur. Paris 1777. 
    2. Der Ausdruck regle­men­tary regime wird im neo-insti­tu­tio­na­lis­ti­schen Diskurs zu inter­na­tio­na­ler Politik für das Zusammenspiel von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahren in der inter­na­tio­na­len Staatenkooperation ver­wen­det. So wurde Regime dort defi­niert als: “a set of mutual expec­ta­ti­ons, rules and regu­la­ti­ons, plans, orga­niz­a­tio­nal ener­gies and finan­cial com­mit­ments, which have been accep­ted by a group of sta­tes” (RUGGIE zitiert nach KEOHANE, 57). Damit reflek­tiert er wis­sen­schaft­lich die bereits ab den 1940er Jahren spo­ra­di­sche Verwendung des Begriffs im Kontext inter­na­tio­na­ler Koordination von Luftfahrt, Marine, Fischerei, Telekommunikation und Nukleartechnologie. Die dar­auf auf­bau­ende Regimetheorie beschäf­tigt sich mit der Theorie und Empirie insti­tu­tio­na­li­sier­ter inter­na­tio­na­ler Vereinbarungen wie das Menschenrechtsregime der UN, das Welthandelsregime (GATT) und das Kyôto-Protokoll. [WK]

      Quellen:
      KEOHANE, Robert O. After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton 1984. 
    3. Die häu­figste Verwendung des Begriffs Regelungsregime fin­det sich in ver­wal­tungs­tech­ni­schen Kontexten (Diskurs von Verwaltungswissenschaften und Verwaltungsrecht) der prak­ti­schen Ausgestaltung pro­ze­du­ra­ler Regelung von Sachbereichen. In Kontinuität zu Semantiken wie Regelungslücke, Regelungsbedarf, Regelungsbereich, Rahmenregelung und Regelungsvariante wird der Begriff des Regelungsregimes juris­tisch und ver­wal­tungs­tech­nisch so ein­ge­setzt, dass er eine Option der Organisation von regu­lie­ren­den Elementen, seien sie recht­li­cher, struk­tu­rel­ler oder insti­tu­tio­nel­ler Art, bezeich­net (EBERHARD, 179). Der Begriff Regelungsregime steht hier in Verwandtschaft mit dem tech­ni­schen Gebrauch von ‘Regelungsregime’, in dem es um unter­schied­li­che Steuerungsmodi von Geräten und Anlagen z.B. durch elek­tro­ni­sche Verfahren geht (ELEKTRIE, 657). Den dis­kur­si­ven Rahmen bil­det das über­grei­fende Paradigma kyber­ne­ti­schen Denkens, das seit den 1950er Jahren in vie­len Diskursen prä­gend wirkte. [WK]

      Quellen:
      ELEKTRIE. Zeitschrift des Fachverbands Elektrotechnik. Band. 33. Berlin 1919 
      EBERHARD, Harald. Der ver­wal­tungs­recht­li­che Vertrag. Ein Beitrag zur Handlungsformenlehre. Wien 2005. 
    4. Im poli­tik- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs der Governance-Forschung ist meist ent­we­der von Regelungsstruktur oder kurz nur von Regime die Rede. Im Sinne des Governance-Ansatzes, bei dem ein koor­di­na­ti­ves Regulierungsmodell an die Stelle einer hier­ar­chisch gedach­ten Steuerungslogik tritt, bezeich­net Regelungstruktur den “institutionelle[n] Rahmen, der das Handeln der Akteure lenkt. […] Wenn man […] unter Governance ‘a sys­tem of rule’ ver­steht, dann steht jetzt nicht mehr das Machen, das […] Steuerungshandeln im Zentrum des Interesses, son­dern die mehr oder we-niger frag­men­tierte oder inte­grierte, nach unter­schied­li­chen Prinzipien gestal­tete Regelungsstruktur.” (MAYNTZ) In die­sem Sinne wird inzwi­schen auch ver­mehrt von Governance-Regimen gespro­chen. So zum Beispiel: “Der Fokus liegt auf Mechanismen der Handlungskoordinierung, die in den Governance-Modi ihren Ausdruck fin­den, die ihrer­seits zu auf­ga­ben­be­zoge-nen Governance-Regimen ver­knüpft wer­den.” (SCHUPPERT, 34) [WK]

      Quellen:
      MAYNTZ, Renate. Governance Theory als fort­ent­wi­ckelte Steuerungstheorie?, MPIfG working paper, No. 04/1. Köln 2004. http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp04‑1/wp04‑1.html (zuletzt besucht am 07. 05.2021)
      SCHUPPERT, Gunnar Folke. Governance – auf der Suche nach Konturen eines „aner­kannt unein­deu­ti­gen Begriffs“. In: ders. u. Michael Zürn (Hrsg.). Governance in einer sich wan­deln­den Welt. Wiesbaden 2008. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. KEOHANE, Robert O. After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton 1984. 
    SCHUPPERT, Gunnar Folke u. Michael Zürn (Hrsgg). Governance in einer sich wan­deln-den Welt. Wiesbaden 2008. 
  4. Weiterführende Links
  5. MAYNTZ, Renate. Governance Theory als fort­ent­wi­ckelte Steuerungstheorie?, MPIfG working paper, No. 04/1. Köln 2004. http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp04‑1/wp04‑1.html (zuletzt besucht am 07. 05.2021)

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Regelungsregime“, Version 1.0, 12.05.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30644

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Schrift

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SCHRIFT

Version 2.0 (17.02.2020; erhal­ten am: 15.11.2016)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Dem deut­schen Wort Schrift, von latei­nisch scri­bere, ent­spricht im Englischen die nomi­na­li­sierte Verbform wri­ting, wäh­rend das Substantiv script im Englischen in ers­ter Linie auf Schrifterzeugnisse abzielt. Ursprünge sowohl des eng­li­schen als auch des latei­ni­schen und grie­chi­schen (graphein) Verbs lie­gen in Vorgängen des Einritzens und Einzeichnens. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte



















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Im pho­no­gra­phi­schen Paradigma des sprach­wis­sen­schaft­li­chen Diskurses gilt Schrift als Notation von gespro­che­ner Sprache. Gemäß die­ser Auffassung wird Schrift, ers­tens, aus­schließ­lich auf Sprache im enge­ren Sinn bezo­gen und, zwei­tens, ihr als deren media­ler Verkörperung nach­ge­ord­net. Bereits Ferdinand DE SAUSSURE (1916) hatte pos­tu­liert: „Sprache und Schrift sind zwei ver­schie­dene Systeme von Zeichen; das letz­tere besteht nur zu dem Zweck, um das ers­tere dar­zu­stel­len.“ (28) Entsprechend heißt es im Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use: Schrift ist „die Menge der gra­phi­schen Zeichen, mit denen die gespro­chene Sprache fest­ge­hal­ten wird.“ (VIII) Und im Lexikon der Sprachwissenschaft lau­tet die Definition: „Schrift. Auf kon­ven­tio­na­li­sier­tem System von gra­phi­schen Zeichen basie­ren­des Mittel zur Aufzeichnung münd­li­cher Sprache“ (608). [WK]

      Quellen:
      DE SAUSSURE, Ferdinand. Grundfragen der all­ge­mei­nen Sprachwissenschaft. Berlin 1967 (franz. zuerst 1916). 
      GÜNTHER, Hartmut, und LUDWIG, Otto, (Hrsgg.). Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. Berlin/New York 1994. 
      BUßMANN, Hadumod. „Schrift“. In: DERS. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 2008. 
      HAARMANN, Harald. Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt u. a. 1991. 
      Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 59 (1985), Themenheft ‚Schriftlichkeit’. Hrsg. v. Wolfgang KLEIN. 
    2. Ausgangspunkt eines medi­en­theo­re­ti­schen Diskurses in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die (seit­dem umstrit­tene) These von der Sonderstellung der Alphabetschrift. Die Toronto-Schule, die zu Beginn der 1960er Jahre maß­geb­lich zur Entstehung der moder­nen Medienwissenschaften bei­getra­gen hat und zu der Autoren wie Harold A. INNIS, Eric A. HAVELOCK, Jack GOODY, Marshall MCLUHAN, Walter J. ONG und Ian WATT gerech­net wer­den, ver­half einer Sichtweise zur Geltung, die die Struktur der grie­chi­schen Alphabetschrift mit der Entwicklung der abend­län­di­schen Rationalität in engen Zusammenhang rückte. Nur die Alphabetschrift mit ihrer ein­zig­ar­ti­gen Zergliederung der gespro­che­nen Sprache in Konsonanten und Vokale, also in ato­mare Einheiten, die unter­halb der Ebene der Artikulationseinheiten der gespro­che­nen Sprache liegt, erzeugt, so die These, ein äußerst fle­xi­bel hand­hab­ba­res, tech­ni­sches Medium, das Distanznahme, Reflexion und ein indi­vi­du­el­les Gedächtnis erst ermög­licht. Diese These wurde bereits von Jack GOODY rela­ti­viert und in jün­ge­rer Zeit als ver­kürzt und eth­no­zen­trisch kri­ti­siert (GROSSWILER 2004). [WK]

      Quellen:
      ASSMANN, Aleida, und ASSMANN, Jan. „Schrift – Kognition – Evolution. Eric A. Havelock und die Technologie kul­tu­rel­ler Kommunikation.“ In: HAVELOCK, Eric A., (Hrsg.). Schriftlichkeit. Das grie­chi­sche Alphabet als kul­tu­relle Revolution. Weinheim 1990, 1–35.
      GROSSWILER, Paul. „Dispelling the Alphabet Effect.” In: Canadian Journal of Communication and Journalism 29 (2004), 145–158.
    3. In einem durch Jacques DERRIDAS Grammatologie gepräg­ten Diskurs zu Schrift als dif­fe­ren­ti­elle und digi­tale Form wird Schrift – teils fun­da­men­tal, teils zeit­dia­gnos­tisch – als Form von Medialität betrach­tet. DERRIDA ver­knüpfte mit dem Begriff Schrift das Konzept einer ‘Urschrift’, die als dif­fe­ren­zi­el­les Geschehen Denken, Geschichte, Identität erst her­vor­bringt. Er eröff­nete damit einen meta­phy­sik­kri­ti­schen Diskurs, der Substanz und Präsenz durch den Rekurs auf Prozessualität und Differentialität zu unter­lau­fen suchte. Schrift wird hier mit der Bewegung eines, sich selbst ent­zie­hen­den, kon­sti­tu­ie­ren­den Spiels oder gene­ra­ti­ven Mechanismus gleich­ge­setzt: „Schreiben heißt, ein Zeichen (mar­que) pro­du­zie­ren, das eine Art ihrer­seits nun pro­du­zie­rende Maschine kon­sti­tu­iert, die durch mein zukünf­ti­ges Verschwinden prin­zi­pi­ell nicht daran gehin­dert wird, zu funk­tio­nie­ren und sich lesen und nach­schrei­ben zu las­sen.” (134) Mit Blick auf die ato­mare Grundstruktur von Schriften (als Struktur aus ein­deu­tig bestimm­ten und ein­deu­tig zu unter­schei­den­den Elementen (FISCHER 1997 ) wurde ‚Schrift’ zum Label für digi­tale Struktur über­haupt. Theoretiker der neuen Medien konn­ten daher Schriftlichkeit mit dem Operieren (digi­ta­ler) Maschinen iden­ti­fi­zie­ren. So for­dert etwa Vilém FLUSSER, „das Schreiben, die­ses Ordnen von Zeichen, Maschinen [zu] über­las­sen“ (10) und Friedrich KITTLER dia­gnos­ti­ziert: „Heute … läuft mensch­li­ches Schreiben durch Inschriften, die nicht nur mit­tels Elektonenlithographie in Silizium ein­ge­brannt, son­dern im Unterschied zu allen Schreibwerkzeugen der Geschichte auch imstande sind, sel­ber zu lesen und zu schrei­ben.“ Daher sei „mit der Miniaturisierung aller Zeichen auf mole­ku­lare Maße […] der Schreibakt selbst ver­schwun­den“ (226). [WK]

      Quellen:
      DERRIDA, Jacques. Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M. 1972 (1966).
      DERRIDA, Jacques. Grammatologie. Frankfurt a. M. 1983 (1967).
      DERRIDA, Jacques. „Signatur. Ereignis. Kontext.“ In: DERS. Randgänge der Philosophie. Frankfurt a. M. u. a. 1976, 124–155.
      FISCHER, Martin. „Schrift als Notation.“ In: KOCH, Peter, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift, Medien, Kognition. Über die Exteriorität des Geistes. Tübingen 1997, 83–101.
      FLUSSER, Vilém. Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt a. M. 1992. 
      KITTLER, Friedrich. „Es gibt keine Software.“ In: DERS. Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, 225–242.
    4. Aus der Perspektive der sym­bol­theo­re­ti­schen Schriftbildlichkeitsforschung wird die land­läu­fige Beschränkung von Schriften auf die Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen als irre­füh­rend betrach­tet: Die Verwendung von Schriften in Mathematik und Buchhaltung (schrift­li­ches Rechnen; Bestandslisten), Musik (Notenschriften), Naturwissenschaften (Formelschreibweisen) und Informatik (Programmierung) sowie die Transformation und Analyse von Sprachen in der Verschriftlichung zeigt, dass das Medium Schrift in Beziehung zu unter­schied­li­chen Sachbereichen ste­hen kann – gespro­chene Sprachen sind nur ein Anwendungsfeld von Schriften. Untersuchungen zu Kriterien, die eine Unterscheidung von Schriften von ver­wand­ten Phänomenen ermög­li­chen, zie­hen bild­li­che, ope­ra­tive und seman­ti­sche Aspekte von Schriften in Betracht (KOGGE/GRUBE 2005). [WK]

      Quellen:
      KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Der Begriff der Schrift und die Frage nach der Forschung in der Philosophie.“ In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1 (2007), 81–96.
      KRÄMER, Sybille. „‚Schriftbildlichkeit’ oder: Über eine (fast) ver­ges­sene Dimension der Schrift.“ In: KRÄMER, Sybille, und BREDEKAMP, Horst, (Hrsgg.). Bild — Schrift — Zahl. München 2003. 
    5. Im Diskurs um Entstehung und frühe Erscheinungsformen von Schrift in den Altertumswissenschaften spielt die Unabhängigkeit von Schriften gegen­über gespro­che­nen Sprachen und ihr Verhältnis zu Bildern und Rechenoperationen eine ent­schei­dende Rolle. Denn die ältes­ten bekann­ten Schriften dien­ten kei­nes­wegs zur Aufzeichnung von Sprachen, son­dern der Buchhaltung in admi­nis­tra­ti­ven Kontexten (gemäß Stand der Forschung tre­ten die ältes­ten Schriften im süd­li­chen Mesopotamien am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. als Kombination von Zahlzeichen und Benennungen auf; die in die­sen Dokumenten ver­wen­de­ten Namen wur­den auch in lexi­ka­li­schen Listen ver­zeich­net). Sie ste­hen damit in Kontinuität zu vor­gän­gi­gen Zähl- und Aufzeichnungssystemen. Die Adaption von Schriften zur Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen bil­det ein Thema der Untersuchung viel­ge­stal­ti­ger Transformationsprozesse, ebenso die Vorgänge der Ausbreitung, Übernahme und Anpassung an wei­tere Verwendungssysteme. [WK]

      Quellen:
      NISSEN, Hans-Jörg, DAMEROW, Peter, und ENGLUND, Robert K. Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Berlin 1990. 
      CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva. „Phänomene von Schriftbildlichkeit in der keil­schrift­li­chen Schreibkultur Mesopotamiens.“ In: KRÄMER, Sybille, CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva, und TOTZKE, Rainer, (Hrsgg.). Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin 2012, 101–122.
  2. Literatur zum Begriff
  3. KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Zur Einleitung: Was ist Schrift?“ In: GRUBE, Gernot, KOGGE, Werner, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift. Kulturtechnik zwi­schen Auge, Hand und Maschine. München 2005, 9–21.
  4. Weiterführende Links
  5. Ein Überblick zum ein­schlä­gi­gen Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of International Research, her­aus­ge­ge­ben von Hartmut Günther und Otto Ludwig, Berlin/New York 1994–1996, fin­det sich hier.

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Schrift“, Version 2.0, 17.02.2020, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30373

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