Schrift

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SCHRIFT

Version 2.0 (17.02.2020; erhal­ten am: 15.11.2016)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Dem deut­schen Wort Schrift, von latei­nisch scri­bere, ent­spricht im Englischen die nomi­na­li­sierte Verbform wri­ting, wäh­rend das Substantiv script im Englischen in ers­ter Linie auf Schrifterzeugnisse abzielt. Ursprünge sowohl des eng­li­schen als auch des latei­ni­schen und grie­chi­schen (graphein) Verbs lie­gen in Vorgängen des Einritzens und Einzeichnens. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte



















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Im pho­no­gra­phi­schen Paradigma des sprach­wis­sen­schaft­li­chen Diskurses gilt Schrift als Notation von gespro­che­ner Sprache. Gemäß die­ser Auffassung wird Schrift, ers­tens, aus­schließ­lich auf Sprache im enge­ren Sinn bezo­gen und, zwei­tens, ihr als deren media­ler Verkörperung nach­ge­ord­net. Bereits Ferdinand DE SAUSSURE (1916) hatte pos­tu­liert: „Sprache und Schrift sind zwei ver­schie­dene Systeme von Zeichen; das letz­tere besteht nur zu dem Zweck, um das ers­tere dar­zu­stel­len.“ (28) Entsprechend heißt es im Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use: Schrift ist „die Menge der gra­phi­schen Zeichen, mit denen die gespro­chene Sprache fest­ge­hal­ten wird.“ (VIII) Und im Lexikon der Sprachwissenschaft lau­tet die Definition: „Schrift. Auf kon­ven­tio­na­li­sier­tem System von gra­phi­schen Zeichen basie­ren­des Mittel zur Aufzeichnung münd­li­cher Sprache“ (608). [WK]

      Quellen:
      DE SAUSSURE, Ferdinand. Grundfragen der all­ge­mei­nen Sprachwissenschaft. Berlin 1967 (franz. zuerst 1916).
      GÜNTHER, Hartmut, und LUDWIG, Otto, (Hrsgg.). Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. Berlin/New York 1994.
      BUßMANN, Hadumod. „Schrift“. In: DERS. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 2008.
      HAARMANN, Harald. Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt u. a. 1991.
      Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 59 (1985), Themenheft ‚Schriftlichkeit’. Hrsg. v. Wolfgang KLEIN.
    2. Ausgangspunkt eines medi­en­theo­re­ti­schen Diskurses in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die (seit­dem umstrit­tene) These von der Sonderstellung der Alphabetschrift. Die Toronto-Schule, die zu Beginn der 1960er Jahre maß­geb­lich zur Entstehung der moder­nen Medienwissenschaften bei­getra­gen hat und zu der Autoren wie Harold A. INNIS, Eric A. HAVELOCK, Jack GOODY, Marshall MCLUHAN, Walter J. ONG und Ian WATT gerech­net wer­den, ver­half einer Sichtweise zur Geltung, die die Struktur der grie­chi­schen Alphabetschrift mit der Entwicklung der abend­län­di­schen Rationalität in engen Zusammenhang rückte. Nur die Alphabetschrift mit ihrer ein­zig­ar­ti­gen Zergliederung der gespro­che­nen Sprache in Konsonanten und Vokale, also in ato­mare Einheiten, die unter­halb der Ebene der Artikulationseinheiten der gespro­che­nen Sprache liegt, erzeugt, so die These, ein äußerst fle­xi­bel hand­hab­ba­res, tech­ni­sches Medium, das Distanznahme, Reflexion und ein indi­vi­du­el­les Gedächtnis erst ermög­licht. Diese These wurde bereits von Jack GOODY rela­ti­viert und in jün­ge­rer Zeit als ver­kürzt und eth­no­zen­trisch kri­ti­siert (GROSSWILER 2004). [WK]

      Quellen:
      ASSMANN, Aleida, und ASSMANN, Jan. „Schrift – Kognition – Evolution. Eric A. Havelock und die Technologie kul­tu­rel­ler Kommunikation.“ In: HAVELOCK, Eric A., (Hrsg.). Schriftlichkeit. Das grie­chi­sche Alphabet als kul­tu­relle Revolution. Weinheim 1990, 1–35.
      GROSSWILER, Paul. „Dispelling the Alphabet Effect.” In: Canadian Journal of Communication and Journalism 29 (2004), 145–158.
    3. In einem durch Jacques DERRIDAS Grammatologie gepräg­ten Diskurs zu Schrift als dif­fe­ren­ti­elle und digi­tale Form wird Schrift – teils fun­da­men­tal, teils zeit­dia­gnos­tisch – als Form von Medialität betrach­tet. DERRIDA ver­knüpfte mit dem Begriff Schrift das Konzept einer ‘Urschrift’, die als dif­fe­ren­zi­el­les Geschehen Denken, Geschichte, Identität erst her­vor­bringt. Er eröff­nete damit einen meta­phy­sik­kri­ti­schen Diskurs, der Substanz und Präsenz durch den Rekurs auf Prozessualität und Differentialität zu unter­lau­fen suchte. Schrift wird hier mit der Bewegung eines, sich selbst ent­zie­hen­den, kon­sti­tu­ie­ren­den Spiels oder gene­ra­ti­ven Mechanismus gleich­ge­setzt: „Schreiben heißt, ein Zeichen (mar­que) pro­du­zie­ren, das eine Art ihrer­seits nun pro­du­zie­rende Maschine kon­sti­tu­iert, die durch mein zukünf­ti­ges Verschwinden prin­zi­pi­ell nicht daran gehin­dert wird, zu funk­tio­nie­ren und sich lesen und nach­schrei­ben zu las­sen.” (134) Mit Blick auf die ato­mare Grundstruktur von Schriften (als Struktur aus ein­deu­tig bestimm­ten und ein­deu­tig zu unter­schei­den­den Elementen (FISCHER 1997 ) wurde ‚Schrift’ zum Label für digi­tale Struktur über­haupt. Theoretiker der neuen Medien konn­ten daher Schriftlichkeit mit dem Operieren (digi­ta­ler) Maschinen iden­ti­fi­zie­ren. So for­dert etwa Vilém FLUSSER, „das Schreiben, die­ses Ordnen von Zeichen, Maschinen [zu] über­las­sen“ (10) und Friedrich KITTLER dia­gnos­ti­ziert: „Heute … läuft mensch­li­ches Schreiben durch Inschriften, die nicht nur mit­tels Elektonenlithographie in Silizium ein­ge­brannt, son­dern im Unterschied zu allen Schreibwerkzeugen der Geschichte auch imstande sind, sel­ber zu lesen und zu schrei­ben.“ Daher sei „mit der Miniaturisierung aller Zeichen auf mole­ku­lare Maße […] der Schreibakt selbst ver­schwun­den“ (226). [WK]

      Quellen:
      DERRIDA, Jacques. Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M. 1972 (1966).
      DERRIDA, Jacques. Grammatologie. Frankfurt a. M. 1983 (1967).
      DERRIDA, Jacques. „Signatur. Ereignis. Kontext.“ In: DERS. Randgänge der Philosophie. Frankfurt a. M. u. a. 1976, 124–155.
      FISCHER, Martin. „Schrift als Notation.“ In: KOCH, Peter, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift, Medien, Kognition. Über die Exteriorität des Geistes. Tübingen 1997, 83–101.
      FLUSSER, Vilém. Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt a. M. 1992.
      KITTLER, Friedrich. „Es gibt keine Software.“ In: DERS. Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, 225–242.
    4. Aus der Perspektive der sym­bol­theo­re­ti­schen Schriftbildlichkeitsforschung wird die land­läu­fige Beschränkung von Schriften auf die Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen als irre­füh­rend betrach­tet: Die Verwendung von Schriften in Mathematik und Buchhaltung (schrift­li­ches Rechnen; Bestandslisten), Musik (Notenschriften), Naturwissenschaften (Formelschreibweisen) und Informatik (Programmierung) sowie die Transformation und Analyse von Sprachen in der Verschriftlichung zeigt, dass das Medium Schrift in Beziehung zu unter­schied­li­chen Sachbereichen ste­hen kann – gespro­chene Sprachen sind nur ein Anwendungsfeld von Schriften. Untersuchungen zu Kriterien, die eine Unterscheidung von Schriften von ver­wand­ten Phänomenen ermög­li­chen, zie­hen bild­li­che, ope­ra­tive und seman­ti­sche Aspekte von Schriften in Betracht (KOGGE/GRUBE 2005). [WK]

      Quellen:
      KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Der Begriff der Schrift und die Frage nach der Forschung in der Philosophie.“ In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1 (2007), 81–96.
      KRÄMER, Sybille. „‚Schriftbildlichkeit’ oder: Über eine (fast) ver­ges­sene Dimension der Schrift.“ In: KRÄMER, Sybille, und BREDEKAMP, Horst, (Hrsgg.). Bild — Schrift — Zahl. München 2003.
    5. Im Diskurs um Entstehung und frühe Erscheinungsformen von Schrift in den Altertumswissenschaften spielt die Unabhängigkeit von Schriften gegen­über gespro­che­nen Sprachen und ihr Verhältnis zu Bildern und Rechenoperationen eine ent­schei­dende Rolle. Denn die ältes­ten bekann­ten Schriften dien­ten kei­nes­wegs zur Aufzeichnung von Sprachen, son­dern der Buchhaltung in admi­nis­tra­ti­ven Kontexten (gemäß Stand der Forschung tre­ten die ältes­ten Schriften im süd­li­chen Mesopotamien am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. als Kombination von Zahlzeichen und Benennungen auf; die in die­sen Dokumenten ver­wen­de­ten Namen wur­den auch in lexi­ka­li­schen Listen ver­zeich­net). Sie ste­hen damit in Kontinuität zu vor­gän­gi­gen Zähl- und Aufzeichnungssystemen. Die Adaption von Schriften zur Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen bil­det ein Thema der Untersuchung viel­ge­stal­ti­ger Transformationsprozesse, ebenso die Vorgänge der Ausbreitung, Übernahme und Anpassung an wei­tere Verwendungssysteme. [WK]

      Quellen:
      NISSEN, Hans-Jörg, DAMEROW, Peter, und ENGLUND, Robert K. Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Berlin 1990.
      CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva. „Phänomene von Schriftbildlichkeit in der keil­schrift­li­chen Schreibkultur Mesopotamiens.“ In: KRÄMER, Sybille, CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva, und TOTZKE, Rainer, (Hrsgg.). Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin 2012, 101–122.
  2. Literatur zum Begriff
  3. KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Zur Einleitung: Was ist Schrift?“ In: GRUBE, Gernot, KOGGE, Werner, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift. Kulturtechnik zwi­schen Auge, Hand und Maschine. München 2005, 9–21.
  4. Weiterführende Links
  5. Ein Überblick zum ein­schlä­gi­gen Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of International Research, her­aus­ge­ge­ben von Hartmut Günther und Otto Ludwig, Berlin/New York 1994–1996, fin­det sich hier.

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Schrift“, Version 2.0, 17.02.2020, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

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Versionsgeschichte
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Politik

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POLITIK

Version 1.0 (15.11.2019; erhal­ten am: 25.06.2019)

Autor: Mark Brown

Zum Wort
Das Wort Politik kommt vom grie­chi­schen Πολιτικά, poli­tiká, „die Angelegenheiten der Polis.“ In den meis­ten euro­päi­schen Sprachen wurde das Wort vor dem 19. Jahrhundert nicht als eine bestimmte Form mensch­li­cher Aktivität, son­dern als eine wis­sen­schaft­li­che Disziplin, jetzt Politikwissenschaft genannt, ver­stan­den. Während des 18. Jahrhunderts, mit der funk­tio­na­len Differenzierung der Gesellschaft, wurde das Wort Politik zuneh­mend mit einer bestimm­ten Sphäre ver­bun­den, meis­tens gleich­ge­setzt mit dem Staat oder dem Gemeinwesen. Etwas spä­ter hat das Wort eine dritte Bedeutung bekom­men, näm­lich die einer insti­tu­tio­nell unge­bun­de­nen Aktivität mit spe­zi­fi­schen Praktiken und Normen (PALONEN 2006; WARREN 1999). In Hinsicht auf ihre Haltung zu Politisierung las­sen sich die Begriffsparadigmen ver­schie­de­ner Diskurse am deut­lichs­ten auf­zei­gen. [MB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte














  2. Literatur zum Begriff

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der klas­si­schen oder repu­bli­ka­ni­schen Auffassung wird Politik als das gemein­wohl-ori­en­tierte Zusammenleben einer Gemeinschaft ver­stan­den (ARISTOTELES, Politik). In den Theorien von ARISTOTELES, ROUSSEAU und man­chen heu­ti­gen Verfechtern einer kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen oder repu­bli­ka­ni­schen Politik wird Politik mit Tugenden wie Vernunft, Gemeinschaftssinn und Kompromissbereitschaft ver­bun­den. Die Freiheit des Menschen wird in der Politik rea­li­siert (ARENDT 1981 (1958)). Aus die­ser Sicht ist die Politisierung von bis­her als nicht-poli­tisch ver­stan­de­nen Institutionen im Zweifel zu befür­wor­ten, weil Politik mit wün­schens­wer­ten Eigenschaften und Zielen asso­zi­iert wird. [MB]

      Quellen:
      ARISTOTELES. Politik.
      ARENDT, Hannah. Vita activa oder Vom täti­gen Leben (1958). München 1981.
    2. In der poli­ti­schen Theorie des Liberalismus von HOBBES und LOCKE bis heute wird Politik als ein gesetz­lich gere­gel­tes Verfahren auf­ge­fasst, in dem Interessenskonflikte einer plu­ra­lis­ti­schen Gesellschaft aus­ge­han­delt wer­den (DAHL 1991). Politik wird nicht als Ort der per­sön­li­chen oder gesell­schaft­li­chen Verwirklichung ver­stan­den, son­dern als instru­men­tel­les Mittel, all­ge­mein­ver­bind­li­che Entscheidungen zu tref­fen. Aus die­ser Sicht ist die Politik vor allem dem Schutz von indi­vi­du­el­len Rechten und Interessen ver­pflich­tet. Für ein libe­ra­les Politikverständnis wird Politisierung meis­tens als Bedrohung emp­fun­den, da sie neue Interessenskonflikte pro­du­ziert, die gesell­schaft­li­che Arbeitsteilung unter­mi­niert und den öffent­li­chen Frieden gefähr­det. [MB]

      Quellen:
      DAHL, Robert A. Modern Political Analysis. 5. Ed. Englewood Cliffs, NJ 1991.
    3. Für die Tradition des poli­ti­schen Realismus ist die Politik ein Machtkampf. Moralische Richtlinien und opti­mis­ti­sche Einschätzungen der mensch­li­chen Natur sind hier fehl am Platz. Für Denker wie MACHIAVELLI (Der Fürst), Carl SCHMITT (1963 (1932)) und Max WEBER (2009 (1919)) geht es in der Politik um Staatsräson, das Erlangen und den Erhalt von staat­li­cher Macht. Aus die­ser Perspektive ist sowohl die repu­bli­ka­ni­sche Hoffnung auf gemein­schaft­li­chen Konsens als auch die libe­rale Wertschätzung von unbe­streit­ba­ren uni­ver­sel­len Rechten glei­cher­ma­ßen naiv und gefähr­lich. Manche Aspekte die­ser Politikauffassung fin­den sich auch in soge­nann­ten „agnos­ti­schen“ Ansätzen der heu­ti­gen poli­ti­schen Theorie, etwa bei Chantal MOUFFE (2007) und ande­ren Verfechtern einer robus­ten, kon­flikt­freund­li­chen Politik. Für Denker die­ser Gesinnung dient die Politisierung der Aufdeckung und Thematisierung von laten­ten Konflikten, die sonst durch ver­meint­li­chen Konsens unter­drückt wür­den. [MB]

      Quellen:
      MACHIAVELLI, Niccolò. Der Fürst.
      MOUFFE, Chantal. Über das Politische. Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illusion. Frankfurt/Main 2007.
      SCHMITT, Carl. Der Begriff des Politischen (1932). Berlin 1963.
      WEBER, Max. Politik als Beruf (1919). Stuttgart 2009.
    4. Im Vergleich zu repu­bli­ka­ni­schen und libe­ra­len Theorien, die ihr Verständnis von Politik an vor­po­li­ti­schen Werten und Zielen ori­en­tie­ren (das Gemeinwohl einer­seits, indi­vi­du­elle Rechte ander­seits), hat die Politik für prag­ma­ti­sche, deli­be­ra­tive und kon­struk­ti­vis­ti­sche Ansätze die Aufgabe, Grundsätze einer poli­ti­schen Gemeinschaft immer wie­der neu zu legi­ti­mie­ren oder gege­be­nen­falls in Frage zu stel­len (DEWEY 1927 (1954); HABERMAS 1992). Nicht nur poli­ti­sche Entscheidungen, son­dern auch die Maßstäbe, an denen sie gemes­sen wer­den, müs­sen durch poli­ti­sche Prozesse ver­schie­de­ner Art kon­stru­iert wer­den. Im Vergleich zu rea­lis­ti­schen Ansätzen sieht die prag­ma­ti­sche Tradition mehr Möglichkeiten für eine demo­kra­tisch-legi­time Verwendung von poli­ti­scher Macht. Aus die­ser Sicht ist eine Politisierung von bestimm­ten Sachverhalten immer inso­fern gerecht­fer­tigt, als die Politik ein effek­ti­ves Mittel für kol­lek­tive Problemlösung bie­tet. [MB]

      Quellen:
      DEWEY, John. The Public and Its Problems (1927). Athens, OH 1954.
      HABERMAS, Jürgen. Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demo­kra­ti­schen Rechtsstaats. Frankfurt/Main 1992.
    5. Angesichts der andau­ern­den Kontroversen über unter­schied­li­che Politikvorstellungen ist ein Diskurs um „post­fun­da­men­ta­lis­ti­sche“ (eng­lisch: post­foun­da­tio­nal) Politikbegriffe ent­stan­den, der diese Kontroverse selbst zum Gegenstand ihrer Forschung macht (BEDORF und RÖTTGERS 2010; MARCHART 2010). Diese Forschungen ver­su­chen der Ambiguität des Begriffs Politik gerecht zu wer­den, u. a. indem sie zwi­schen der all­täg­li­chen poli­ti­schen Praxis, Politik genannt, und ihren ver­meint­li­chen Grundlagen, dem Politischen, unter­schei­den. Mit die­ser Unterscheidung, die bei unter­schied­li­chen Autoren sehr unter­schied­lich ver­stan­den wird, las­sen sich die gesell­schaft­li­chen Auseinandersetzungen the­ma­ti­sie­ren, durch die man­che Praktiken und Institutionen als poli­tisch defi­niert wer­den. In die­sem Zusammenhang wird auch die Frage unter­sucht, ob öko­no­mi­sche und büro­kra­ti­sche Zwänge eine echte Politik zuneh­mend unmög­lich machen, und ob heu­tige Gesellschaften sich in einer Ära der „Post-Politik“ befin­den (ARENDT 1981 (1958); MOUFFE 2007). [MB]

      Quellen:
      ARENDT, Hannah. Vita activa oder Vom täti­gen Leben (1958). München 1981.
      BEDORF, Thomas, und RÖTTGERS, Kurt. Das Politische und die Politik. Frankfurt/Main 2010.
      MARCHART, Oliver. Die poli­ti­sche Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin 2010.
      MOUFFE, Chantal. Über das Politische. Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illusion. Frankfurt/Main 2007.
  2. Literatur zum Begriff
  3. CELIKATES, Robin, und GOSEPATH, Stefan. „Was ist Politik?“ In: Grundkurs Philosophie, Band 6: Politische Philosophie. Stuttgart 2013, 14–23.
    LEFTWICH, Adrien, (Hrsg.). What is Politics? Cambridge 2004.
    MEYER, Thomas. Was ist Politik? 2., über­ar­bei­tete und erwei­terte Auflage. Opladen 2003.
    PALONEN, Kari. The Struggle with Time: A Conceptual History of ‘Politics’ as an Activity. Hamburg 2006.
    WARREN, Mark E. “What is Political?” In: Journal of Theoretical Politics 11.2 (1999), 207–231.

PDF Zitiervorschlag: Mark Brown, „Politik“, Version 1.0, 15.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Intention / Intentionalität

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INTENTION / INTENTIONALITÄT

Version 1.0 (11.11.2019; erhal­ten am: 11.11.2019)

Autor*inn*en: Ulla Jaekel, Patricia Kanngießer, Reinhard Bernbeck, Arkadiusz Chrudzimski

Zum Wort
Intention, im 16. Jh. dem latei­ni­schen inten­tio/-ōnis ent­lehnt, meint eine absicht­li­che Handlung bzw. einen Vorsatz, ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen, und folgt hier­mit dem latei­ni­schen Begriff inten­dere in sei­ner Bedeutung als einem sich „hin­wen­den, sein Streben auf etwas rich­ten“ (KLUGE 2001). Der Begriff Intentionalität im Sinne von Absichtlichkeit fin­det sich schon Ende des 18. Jahrhunderts, etwa bei Immanuel KANT, zu einem theo­re­ti­schen Grundbegriff wurde er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Phänomenologie Edmund HUSSERLS. [UJ]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte







  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Der Begriff Intentionalität wird im phi­lo­so­phi­schen Diskurs als eine Fähigkeit des Menschen ver­stan­den, sich auf etwas zu bezie­hen – seien es reale oder nicht reale Gegenstände, Ideen, Sachverhalte oder Eigenschaften. Aufbauend auf anti­ken Theorien wurde der Begriff vor allem durch Franz BRENTANO und den Phänomenologen Edmund HUSSERL geprägt.

      Die inten­tio­nale Beziehung unter­schei­det sich von den typi­schen Relationen, wie z. B. grö­ßer als … sein oder neben … sit­zen. Zum einen kön­nen wir uns auf etwas inten­tio­nal bezie­hen auch dann, wenn die­ses etwas nicht exis­tiert (z. B. an den hei­li­gen Nikolaus den­ken). Zum ande­ren ist das Bestehen der inten­tio­na­len Beziehung davon abhän­gig, wie das Referenzobjekt beschrie­ben wird. (Von der Behauptung, dass Hans an den Abendstern denkt, kann man nicht ohne wei­te­res dar­auf schlie­ßen, dass er auch an den Morgenstern denkt.) Die genann­ten Anomalien wer­den oft als „exis­ten­tiale Indifferenz“ und „Aspektualität“ der inten­tio­na­len Beziehung bezeich­net.

      Abhilfe sucht man, indem man neben dem Subjekt und dem Referenzgegenstand noch ein drit­tes Glied ein­führt, das in der Geschichte der Philosophie unter dem Namen „Idee“, „Repräsentation“, „imma­nen­tes Objekt“ oder „Noema“ behan­delt wird. Im Rahmen die­ser Auffassung kann man behaup­ten, dass es eine imma­nente Repräsentation (imma­nen­tes Objekt, Noema etc.) selbst dann gibt, wenn kein tran­szen­den­ter Referenzgegenstand oder unter­schied­li­che Bezugnahmen auf das­selbe Objekt gege­ben sind.

      Dieses Erklärungsschema wurde in der Geschichte der Philosophie oft ver­wen­det (SEARLE 1983). So ist nach Franz BRENTANO die inten­tio­nale Inexistenz eines Gegenstandes das Definitionsmerkmal des Mentalen (BRENTANO 2008 (1874)) und bei HUSSERL fin­den wir sogar noch eine wei­tere Unterscheidung zwi­schen Noema, dem inten­dier­ten Objekt, und Noesis, dem men­ta­len Akt (HUSSERL 1984 (1901)).

      In der Tradition der intro­spek­ti­ven Psychologie und Phänomenologie geht man davon aus, dass man den epis­te­mi­schen Zugang zu den Strukturen der inten­tio­na­len Beziehung durch eine gewisse imma­nente Blickwendung gewinnt. Franz BRENTANO spricht in die­sem Kontext von der inne­ren Wahrnehmung und bei HUSSERL fin­den wir die Lehre von der tran­szen­den­ta­len Reflexion. [UJ/AC]

      Quellen:
      BRENTANO, Franz. „Psychologie vom empi­ri­schen Standpunkte“ (1874). In: BRENTANO, Franz. Psychologie vom empi­ri­schen Standpunkte. Von der Klassifikation der psy­chi­schen Phänomene (Sämtliche ver­öf­fent­lichte Schriften, hrsg. von T. Binder, A. Chrudzimski, Bd. I). Frankfurt/Main 2008, 1–289.
      HUSSERL, Edmund. Logische Untersuchungen, Bd. II, Teil 1/2, Halle 1901 (Husserliana XIX/1 & XIX/2. Hg. U. Panzer). Den Haag 1984.
      SEARLE, John R. Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind. Cambridge 1983.
    2. Aus einer auf VYGOTSKY zurück­zu­füh­ren­den Perspektive der Entwicklungspsychologie haben TOMASELLO und Kollegen den Begriff der geteil­ten Intentionalität oder „Wir“-Intentionalität geprägt. Darunter wer­den Aktivitäten ver­stan­den, bei denen Menschen psy­cho­lo­gi­sche Zustände mit­ein­an­der tei­len, z. B. indem sie ein gemein­sa­mes Ziel ver­fol­gen, einen gemein­sa­men Handlungsplan umset­zen oder eine gemein­same Erfahrung mit­ein­an­der tei­len. Nach Stand aktu­el­ler Forschung zei­gen Menschen die Fähigkeit zur geteil­ten Intentionalität zwi­schen dem ers­ten und zwei­ten Lebensjahr; bei den nächs­ten bio­lo­gi­schen Verwandten des Menschen – den Menschenaffen – konnte diese Fähigkeit bis­her nicht gezeigt wer­den. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Fähigkeit zur geteil­ten Intentionalität eine wich­tige Grundlage für mensch­li­che Kultur dar­stellt. [PK]

      Quellen:
      TOMASELLO, Michael, und CARPENTER, Malinda. „Shared inten­tio­na­lity“. In: Developmental Science 10.1 (2007), 121–125.
      TOMASELLO, Michael, CARPENTER, Malinda, CALL, Josep, BEHNE, Tanya, und MOLL, Henrike. „Understanding and sharing inten­ti­ons: The origins of cul­tu­ral cogni­tion“. In: Behavioral and Brain Sciences 28.5 (2005), 675–691.
    3. In der Archäologie ist „Intentionalität“ im Sinne reflek­tier­ter Handlungsabsichten ein aus­ge­spro­chen rele­van­tes Thema, obwohl es kaum begriff­lich reflek­tiert wird. Intentionen erschei­nen dort, wo ziel­ge­rich­te­tes Handeln the­ma­ti­siert wird (Grabanlage, Hausbau), bis hin zu kom­ple­xen Rekonstruktionen nament­lich bekann­ter Individuen. Problematisch sind post hoc-Intentionalisierungen, die man in archäo­me­tri­schen Materialanalysen oft fin­det.

      Wo Intentionalität in der Archäologie theo­re­tisch dis­ku­tiert wird, geschieht dies meist ableh­nend, etwa in „agency“- und „prac­tice theory“-Debatten (DOBRES und ROBB 2000; DORNAN 2001). Dabei wird Praxis als ver­kör­per­licht oder als per Sozialisation inte­rio­ri­siert, als nicht wei­ter reflek­tiert und reflek­tier­bar hin­ge­stellt. Wenn über­haupt, erscheint Intentionalität als dem „prak­ti­schen Bewusstsein“ bei­seite gestell­tes „dis­kur­si­ves Bewusstsein“.

      Als vor­läu­fi­ger Ansatz einer begriff­li­chen Fassung kön­nen unter­schied­li­che Arten von Intentionen unter­schie­den wer­den (BERNBECK 2003a). Experimentell sind Intentionen dann, wenn das Ziel von Handlungen nur vage for­mu­liert wer­den kann und nach Methoden zur Umsetzung gesucht wird. Reguliert sind sie, wenn bekannte Regeln und Ziele in einer rou­ti­nier­ten Weise in Übereinstimmung gebracht wer­den. Situational ist Intentionalität, wenn ohne wei­tere Regelkenntnisse ein Verfahren etwa zur Herstellung von Objekten durch­ge­führt wird, womit man sehr nahe am übli­chen Praxis-Begriff der Archäologie ist. Schließlich gibt es obstruk­tive Intentionalität, die auf einer negie­ren­den Zielsetzung beruht (BERNBECK 2003a, BERNBECK 2003b). [RB]

      Quellen:
      BERNBECK, Reinhard. „Die Vorstellung der Welt als Wille. Zur Identifikation von inten­tio­nel­lem Handeln in archäo­lo­gi­schen Kontexten“. In: HEINZ, Marlies, EGGERT, Manfred K.H., und VEIT, Ulrich, (Hrsgg.). Zwischen Erklären und Verstehen? Beiträge zu den erkennt­nis­theo­re­ti­schen Grundlagen archäo­lo­gi­scher Interpretation. Münster 2003, 201–237. (2003a)
      BERNBECK, Reinhard. „The Ideologies of Intentionality“. In: Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Theorie in der Archäologie 2.2 (2003), 44–50. (2003b)
      DOBRES, Marica-Ann, und ROBB, John, (Hrsgg.). Agency in Archaeology. London 2000.
      DORNAN, Jennifer L. „Agency and Archaeology: Past, Present, and Future Directions.“ In: Journal of Archaeological Method and Theory 9.4 (2002), 303–329.
  2. Literatur zum Begriff
  3. KLUGE, Friedrich. „Intention“. In: KLUGE, Friedrich, bearb. von SEEBOLD, Elmar. Etymologisches Wörterbuch der deut­schen Sprache. Berlin/New York 2001.
    CHRUDZIMSKI, Arkadiusz. Intentionalität, Zeitbewusstsein und Intersubjektivität. Studien zur Phänomenologie von Brentano bis Ingarden. Frankfurt/Main 2005.
    MAYER, Verena. Edmund Husserl. München 2009.
    JOYCE, Rosemary A. „Unintended Consequences? Monumentality as a Novel Experience in Formative Mesoamerica”. In: Journal of Archaeological Method and Theory 11.1 (2004), 5–29.
    PAUKETAT, Timothy. „Practice and History in Archaeology: An Emerging Paradigm”. In: Anthropological Theory 1.1 (2001), 73–98.
  4. Weiterführende Links
  5. Empfehlenswerter Wikipedia-Artikel zu Intentionalität (letz­ter Zugriff: 12. März 2019)

PDF Zitiervorschlag: Ulla Jaekel, Patricia Kanngießer, Reinhard Bernbeck, Arkadiusz Chrudzimski, „Intention/Intentionalität“, Version 1.0, 11.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Invention

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INVENTION

Version 1.2 (10.10.2017; erhal­ten am: 25.04.2017)

Autor: Christian Barth

Zum Wort
Das lat. inve­nire (wörtl. zu etwas gelan­gen, zu etwas hin­kom­men) bezeich­net all­ge­mein das Finden von etwas, wobei das Finden sowohl die Form eines schöp­fe­ri­schen Erfindens als auch die eines Entdeckens anneh­men kann. In der Neuzeit schränkt sich die Bedeutung auf das schöp­fe­ri­sche Er-fin­den ein, das wie­derum vor allem auf tech­ni­sche Kontexte bezo­gen wird. [CB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte

















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Eine pro­mi­nente Rolle spielt der Terminus inve­nire in der anti­ken Rhetorik, in der die ars inve­ni­endi die Kunst der Gestaltung über­zeu­gen­der Rede ist. Sie betrifft vor allem das Finden von Argumenten, die eine erwar­tete Hörerschaft über­zeu­gen sol­len (CICERO, De Inventione). [CB]

      Quellen:
      CICERO. Über die Auffindung des Stoffes/De Inventione: Lateinisch – Deutsch. Hrsg. von Theodor Nüßlein. Düsseldorf/Zürich 1998.
    2. Wie sich bei Francis BACON fest­stel­len lässt, ver­schiebt sich die Bedeutung des latei­ni­schen inven­tio in den neu­zeit­li­chen Diskursen über Kunst, Wissenschaft und Technik in Richtung Erschaffung und Entdeckung von etwas Neuem (BACON 1996, 222–223). Inventionen sind nun in den Künsten, den Wissenschaften und der Technik anzu­tref­fen, nicht aber mehr in der Rhetorik, in der bereits Gewusstes (Gefundenes) nur zu über­zeu­gen­den Argumenten zusam­men­ge­fügt wird. [CB]

      Quellen:
      BACON, Francis. The Major Works. Edited with an Introduction and Notes by Brian Vickers. Oxford/New York 1996.
    3. Seit dem 19. Jahrhundert wer­den unter Inventionen vor allem Erfindungen ver­stan­den, die von Entdeckungen unter­schie­den wer­den (KNEALE 1955). Zudem wird der Erfindungsbegriff seit­dem vor­nehm­lich im Kontext tech­ni­scher Geräte ver­wen­det. In der Technikgeschichte spielt der Begriff der Invention ent­spre­chend seit dem 19. Jahrhundert eine zen­trale Rolle. [CB]

      Quellen:
      KNEALE, William C. „The Idea of Invention“. In: Proceedings of the British Academy 41 (1955), 85–108.
    4. In der Archäologie wer­den tech­ni­sche Erfindungen als Ausgangspunkte von Innovationsprozessen ange­spro­chen. Da die Inventionsprozesse und ihre Resultate jedoch in der Regel keine Spuren im archäo­lo­gi­schen Befund hin­ter­las­sen, ent­zie­hen sie sich der empi­ri­schen Untersuchung. Inventionen sind nur indi­rekt greif­bar, wenn sie zu Innovationen geführt haben, deren raum­zeit­li­che Ausbreitung (Diffusion) sich im archäo­lo­gi­schen Befund abzeich­net. Der Innovationsbegriff ist daher im archäo­lo­gi­schen Diskurs pro­mi­nen­ter als der Begriff der Invention. [CB]

    5. Der psy­cho­lo­gi­sche Diskurs zur Erklärung von Inventionen nimmt auf beson­dere Fähigkeiten der Kreativität Bezug. Beginnend mit der Renaissance und bis ins 19. Jahrhundert wurde diese Fähigkeit in ihrer höchs­ten Ausprägung mit einem ange­bo­re­nen Genius iden­ti­fi­ziert (Geniebegriff), über den nur wenige, krea­tive Personen ver­fü­gen. In der neue­ren Kreativitätsforschung wird die Fähigkeit zu Inventionen im Rahmen der Kognitionswissenschaft unter­sucht. Das Forschungsprogramm der Creative Cognition ver­folgt das Ziel, die kogni­ti­ven Prozesse, Zustände, Fähigkeiten und Rahmenbedingungen zu iden­ti­fi­zie­ren, die Kreativität ermög­li­chen (FINKE, WARD und SMITH 1992). [CB]

      Quellen:
      FINKE, Ronald A., WARD, Thomas B., und SMITH, Steven M. Creative Cognition: Theory, rese­arch, and app­li­ca­ti­ons. Cambridge (Mass.)/London 1992.
    6. In der Ökonomie wird auf tech­ni­sche Erfindungen als Ausgangspunkt für tech­ni­sche Innovationen Bezug genom­men. Im Unterschied zu Innovationsprozessen umfas­sen Inventionsvorgänge keine Phasen der (ver­viel­fäl­ti­gen­den) Produktion und der Diffusion. Inventionsvorgänge sind mit der Konstruktion des neuen, funk­ti­ons­tüch­ti­gen Geräts abge­schlos­sen. Eine Invention kann durch eine Privatperson oder in Unternehmen in Abteilungen der Forschung und Entwicklung erfol­gen. Im zwei­ten Fall sind sie Teil eines unter­neh­me­ri­schen Plans, ein neues Produkt her­vor­zu­brin­gen oder schon vor­han­dene Produkte zu ver­bes­sern. [CB]

    7. Im juris­ti­schen Diskurs zum Patentrecht sind tech­ni­sche Erfindungen Gegenstand recht­li­chen Schutzes. Als Patentinhaber erhält der Erfinder das Recht, ande­ren die Herstellung und Nutzung der Erfindung in einem gewis­sen Zeitraum zu unter­sa­gen. Was als paten­tier­bare tech­ni­sche Erfindung gilt, wird bei­spiels­weise in §1 und §1a des deut­schen Patentgesetzes sowie in §52 des euro­päi­schen Patentübereinkommens gere­gelt. [CB]

      Quellen:
      §1, §1a PatG
      §52 EPÜ
  2. Literatur zum Begriff
  3. WIENER, Norbert. Invention: The Care and Feeding of Ideas. Cambridge (Mass.)/London 1993.
  4. Weiterführende Links
  5. Eine alpha­be­ti­sche Liste wich­ti­ger Erfindungen:
    https://www.thoughtco.com/famous-inventions-adhesives-to-automobile-1991227
    Eine chro­no­lo­gi­sche Liste wich­ti­ger Erfindungen:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Timeline_of_historic_inventions

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, „Invention“, Version 1.2, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Innovation

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INNOVATION

Version 1.1 (10.10.2017; erhal­ten am: 09.05.2017)

Autor: Christian Barth

Zum Wort
Vom lat. inno­vare (erneu­ern) abstam­mend wer­den unter Innovationen Neuerungen oder Erneuerungen ver­stan­den, die vor allem Gesellschaft, Politik, Wirtschaft oder Technik betref­fen und in Fachdisziplinen wie der Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Technikphilosophie und ver-schie­de­nen Geschichtswissenschaften unter­sucht wer­den. [CB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte











  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der Ökonomie spielt der Begriff der Innovation eine zen­trale Rolle. Nach Joseph SCHUMPETERS Innovationstheorie stel­len inno­va­tive Unternehmer die maß­geb­li­chen Antreiber für wirt­schaft­li­ches Wachstum in moder­nen Marktwirtschaften dar (SCHUMPETER 1912). Über Innovationen hat der Unternehmer die Möglichkeit, eine zumin­dest kurz­fris­tige Monopolstellung am Markt zu erlan­gen, die ihm aller­dings von imi­tie­ren­den Konkurrenten strei­tig gemacht wird. Von Produktinnovationen unter­schei­det SCHUMPETER orga­ni­sa­to­ri­sche Innovationen im Unternehmen und Verfahrensinnovationen der Herstellung. Von dem eigent­li­chen Innovationsprozess grenzt SCHUMPETER die vor­gän­gige Inventionsphase und die nach­fol­gende Verbreitungsphase ab. Everett ROGERS teilt unter­neh­me­ri­sche Innovationsprozesse in sechs Phasen ein, die auch die Verbreitung ein­schlie­ßen: Problem- bzw. Bedürfniserfassung, Forschung, Entwicklung, Kommerzialisierung, Verbreitung und Innovationsfolgen. Den typi­schen Verbreitungsverlauf (5. Phase) von Innovationen ver­sucht ROGERS kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­tisch zu erklä­ren (ROGERS 2003). In der Nachkriegsökonomie sind zudem eine Reihe von Modellen ent­wi­ckelt wor­den, wel­che die wesent­li­chen Aspekte von Produktinnovationen erfas­sen sol­len. Roy ROTHWELL zeich­net die fol­gende Abfolge von Modellen zwi­schen den 1960er und 1990er Jahren nach: (1) „tech­no­logy push“-Modell (späte 1950er und 1960er Jahre); (2) „need pull“-Modell (zweite Hälfte der 1960er Jahre); (3) „cou­pling model“ (1970er und 1980er Jahre); (4) „inte­gra­ted model“ (1980er Jahre); (5) „sys­tems inte­gra­tion and net­wor­king model“ (1990er Jahre). Die Abfolge die­ser Modelle reflek­tiert Befunde aus empi­ri­schen Untersuchungen und zeich­net ver­mu­tete Veränderungen in den öko­no­mi­schen Innovationsprozessen der ent­spre­chen­den Zeitspannen nach. [CB]

      Quellen:
      SCHUMPETER, Joseph. Theorie der wirt­schaft­li­chen Entwicklung. Leipzig 1912.
      ROGERS, Everett M. Diffusion of Innovations. New York 2003.
      ROTHWELL, Roy. „Successful indus­trial inno­va­tion: cri­ti­cal fac­tors for the 1990s“. In: R&D Management 22.3 (1992), 221–239.
    2. Im kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs wer­den Innovationen zur Erklärung kul­tu­rel­len Wandels her­an­ge­zo­gen. Homer G. BARNETT unter­sucht in sei­nem Grundlagenwerk Innovationsprozesse, die zu kul­tu­rel­lem Wandel füh­ren, deren Bedingungen und Konsequenzen (BARNETT 1953). Während sich der Innovationsbegriff im öko­no­mi­schen Diskurs auf Produkte, betrieb­li­che Organisation und Herstellungsverfahren bezieht, ver­wen­det der kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Diskurs einen weit­aus all­ge­mei­ne­ren, men­ta­len Innovationsbegriff. Jede neue Idee wird hier bereits als eine Innovation auf­ge­fasst, wobei die Ideen nur unter Umständen Ausdruck im Verhalten oder in her­ge­stell­ten Gegenständen fin­den (BARNETT 1953, 7). Ein ähn­lich all­ge­mei­ner Begriff von Innovation fin­det sich auch bei ROGERS, der aller­dings dar­auf hin­weist, dass Innovationen nur als neu emp­fun­den wer­den, aber nicht neu sein müs­sen (ROGERS 2003, 36). [CB]

      Quellen:
      BARNETT, Homer G. Innovation: The Basis of Cultural Change. New York 1953.
      ROGERS, Everett M. Diffusion of Innovations. New York 2003.
    3. In der Soziologie wer­den vor allem die Verbreitung und die Effekte von erfolg­rei­chen Innovationen unter­sucht. Der Grund für diese Schwerpunktsetzung ist darin zu suchen, dass erst durch die Diffusion gesell­schafts­weite und somit sozio­lo­gisch rele­vante Effekte ent­ste­hen. Dies bedeu­tet, dass die Diffusionsphase von Innovationsprozessen fokus­siert wird, wäh­rend die frü­he­ren Phasen von Innovationsprozessen außen vor blei­ben. [CB]

    4. In der Archäologie sind die ers­ten Phasen von Innovationsprozessen im empi­ri­schen Befund kaum greif­bar. Das archäo­lo­gi­sche Forschungsinteresse gilt daher vor allem der Phase der Verbreitung, das sich in der raum­zeit­li­chen Verteilung archäo­lo­gi­scher Funde able­sen lässt. [CB]
  2. Literatur zum Begriff
  3. DOSI, Giovanni. „Technological para­digms and tech­no­lo­gi­cal tra­jec­to­ries“. In: Research Policy 11 (1982), 147–162.
    FINLEY, Moses I. „Innovation and Economic Progress in the Ancient World“. In: The Economic History Review 18.1 (1965), 29–45.
    BLÄTTEL-MINK, Birgit, (Hrsg.). Kompendium der Innovationsforschung. Wiesbaden 2006.
  4. Weiterführende Links

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, „Innovation“, Version 1.1, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Gedächtnis

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GEDÄCHTNIS

Version 1.1 (10.10.2017; erhal­ten am: 16.12.2016)

Autorin: Katharina Steudtner

Zum Wort
Das fran­zö­si­sche Wort Mémoire hat im Deutschen mit Gedächtnis (pas­siv, im Sinne eines Speichers) und Erinnerung (akti­ver Prozess, an die Tätigkeit des Erinnerns geknüpft) zwei Bedeutungen. Die Verwendung die­ser Begriffe wird im deutsch­spra­chi­gen kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen und kul­tur­his­to­ri­schen Kontext kon­tro­vers dis­ku­tiert; teil­weise wird Gedächtnis im Sinne einer „Fremd-Erinnerung“ ver­wen­det (HIMMELMANN 2000, 57). Im Zusammenhang mit den fran­zö­sisch­spra­chi­gen Arbeiten von Maurice HALBWACHS und Pierre NORA zeigt sich das Problem einer adäqua­ten sprach­li­chen Übersetzung von Mémoire, milieux de mémoire etc. ins Deutsche. [KSt]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte
















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Als Grundannahme der sozial- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Gedächtnisforschung kann gel­ten, dass das Gedächtnis Erinnerung erst ermög­licht. Um Erinnerung zu erzeu­gen, brau­chen Menschen das Gehirn als orga­ni­sche Basis einer vir­tu­el­len und mani­fes­ten Infrastruktur, aber auch externe Erinnerungsspeicher. Erinnerbar ist, was im Austausch via Sprache, Zeichen, Geste etc. ande­ren mit­teil­bar ist. Erinnerung ist damit Form und Ausdruck mensch­li­cher Kommunikation. Hierbei kann unter­schie­den wer­den zwi­schen indi­vi­du­el­lem und sozial-kol­lek­ti­vem Gedächtnis und – in zeit­li­cher Hinsicht – zwi­schen Erinnerung als (1) Primärerfahrung im Sinne einer Zeitzeugenschaft, (2) Öffentlicher Erinnerungskultur bzw. Kommunikativem Gedächtnis als münd­li­cher, grup­pen­ge­bun­de­ner Überlieferung und (3) Geschichtswissenschaft (nach MOLLER 2010). [KSt]

      Quellen:
      MOLLER, Sabine. „Erinnerung und Gedächtnis“. Version 1.0 (12.04.2010). In: Docupedia-Zeitgeschichte.
      http://docupedia.de/zg/Erinnerung_und_Gedächtnis
    2. Der Soziologe Maurice HALBWACHS beschrieb in der ers­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus sozi­al­kon­struk­ti­vis­ti­scher Sicht, wie indi­vi­du­elle Akteure ihre Vergangenheit wie­der- und wei­ter­ge­ben und dabei ver­än­dern. Er ver­wandte hier­für den Begriff mémoire collec­tive. Von der Vergangenheit bliebe nur, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegen­wär­ti­gen Bezugsrahmen rekon­stru­ie­ren kann“ (HALBWACHS 1925/1985, S. 390). Gedächtnis ist nach ihm also immer auch und zuerst ein sozia­les und aktu­el­les Phänomen. [KSt]

      Quellen:
      HALBWACHS, Maurice. Das Gedächtnis und seine sozia­len Bedingungen. Frankfurt a. M. 1985 [1925].
      HALBWACHS, Maurice. Das kol­lek­tive Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1991 [1950].
    3. Der Historiker Pierre NORA ent­wi­ckelte in den 1980er Jahren, zunächst anhand fran­zö­si­scher Beispiele, das wirk­mäch­tige Konzept der Erinnerungsorte. An bestimm­ten Orten oder his­to­risch-sozia­len Bezugspunkten kris­tal­li­siere sich das kol­lek­tive Gedächtnis einer sozia­len Gruppe (für NORA vor allem der fran­zö­si­schen Nation) aus. Sie seien not­wen­dig, da es keine Erinnerungs-kul­tu­ren – franz.: milieux de mémoire – mehr gäbe. NORA unter­schei­det fer­ner zwi­schen dem Gedächtnis, das Erinnerungen sakra­li­siere, und der Geschichtswissenschaft, die Erinnerungen sys­te­ma­tisch „ent­zau­bere“. Das Konzept wurde von STEIN-HÖLKESKAMP und HÖLKESKAMP auf die römi­sche (2006) und grie­chi­sche Antike (2010) über­tra­gen. [KSt]

      Quellen:
      NORA, Pierre. Les Lieux de mémoire. 3 Bände. Paris 1984–1992.
      STEIN-HÖLKESKAMP, Elke, und HÖLKESKAMP, Karl-Joachim, (Hrsgg.). Erinnerungsorte der Antike – Bd. 1: Die römi­sche Welt. München 2006; Bd. 2: Die grie­chi­sche Welt. München 2010.
    4. Aus his­to­risch-kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Perspektive fas­sen Aleida und Jan ASSMANN unter dem Begriff Kollektives Gedächtnis das kom­mu­ni­ka­tive und das kul­tu­relle Gedächtnis zusam­men. Während das all­tags­nahe, grup­pen­ge­bun­dene kom­mu­ni­ka­tive Gedächtnis etwa 80 Jahre umfasst, schließt das kul­tu­relle Gedächtnis nach A. und J. ASSMANN den Nachlass aller Schriften, archäo­lo­gi­schen Artefakte und Relikte und auch das imma­te­ri­elle Erbe der Menschheit ein. Träger der Vermittlung sind externe Speichermedien und kul­tu­relle Praktiken. A. ASSMANN bezeich­net sie, anknüp­fend an das „exter­nal sym­bo­lic sto­rage sys­tem“ von Merlin DONALD (1991, 311), als Wissensspeicher. [KSt]

      Quellen:
      ASSMANN, Aleida. Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kul­tu­rel­len Gedächtnisses. München 2006.
      ASSMANN, Jan. „Kollektives Gedächtnis und kul­tu­relle Identität“. In: Ders. und HÖLSCHER, Tonio, (Hrsgg.). Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988, 9–19.
      DONALD, Merlin. Origins of the Modern Mind. Cambridge (Mass.) 1991.
    5. Im Diskurs um Erinnerung, Tradition und Identität war die Auseinandersetzung mit der jün­ge­ren Geschichte und ins­be­son­dere mit dem Holocaust ein wesent­li­cher Motor. In Deutschland, Österreich, aber auch ande­ren euro­päi­schen Ländern ent­stand mit der Frage nach der Involvierung der eige­nen Gesellschaft eine neue Form gesell­schaft­li­chen Erinnerns: das nega­tive Gedenken an die eigene Schuld. Während das natio­nale Gedächtnis in der Regel auf eine posi­tive Identitätsstiftung aus der Vergangenheit zielt (z. B. durch Bezugnahme auf die natio­nale Erfolgsgeschichte oder einen gemein­sa­men Opferstatus), rich­tet sich das „Schuldgedächtnis“ auf im Namen des eige­nen Kollektivs began­gene Verbrechen und die „Frage indi­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Mitverantwortung“ (nach UHL 2010). [KSt]

      Quellen:
      UHL, Heidemarie. „Warum Gesellschaften sich erin­nern“. In: Erinnerungskulturen. Informationen zur poli­ti­schen Bildung, Bd. 32. Hrsg. vom Forum Politische Bildung. Innsbruck u. a. 2010, 5–14.
    6. Museen als Orte der Sammlung und Präsentation von Artefakten, archäo­lo­gi­sche Stätten und Baudenkmale sind als Zeugnisse mate­ri­el­ler Erinnerungskultur ein wich­ti­ger und zu bewah­ren­der Teil des kul­tu­rel­len Gedächtnisses. Entsprechend wer­den spe­zi­fi­sche Diskurse in der Anthropologie, Museologie oder Archäologie geführt (s. MACDONALD / Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage). Auch in der Denkmalpflege wird über Erinnerung debat­tiert (s. MEIER und WOHLLEBEN 2000), doch erschwert das aus­dif­fe­ren­zierte kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Themenfeld den brei­ten, kon­ti­nu­ier­li­chen Fachdiskurs (nach BINNEWERG 2013). [KSt]

      Quellen:
      MACDONALD, Sharon, und Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage.
      https://www.euroethno.hu-berlin.de/de/carmah
      MEIER, Hans-Rudolf, und WOHLLEBEN, Marion, (Hrsgg.). Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Zürich 2000.
      BINNEWERG, Anke. „Menschen und Steine. Die Anwendbarkeit von Maurice Halbwachs‘ Thesen zu Erinnerung und Raum für die Denkmalpflege“. In: MEIER, Hans-Rudolf, SCHEUERMANN, Ingrid, et al. (Hrsgg.). Werte. Begründungen der Denkmalpflege. Berlin 2013, 90–99.
  2. Literatur zum Begriff
  3. ERLL, Astrid. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: Eine Einführung. Stuttgart 2011.
    HIMMELMANN, Nikolaus. „Archäologie gleich Erinnerung?” In: MEIER und WOHLLEBEN (s. 1.6), 47–57.
  4. Weiterführende Links
  5. Aleida Assmann. Soziales und kol­lek­ti­ves Gedächtnis.
    www.bpb.de/system/files/pdf/0FW1JZ.pdf
    Kristiane Janeke. „Zeitgeschichte in Museen – Museen in der Zeitgeschichte“. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte.

PDF Zitiervorschlag: Katharina Steudtner, „Gedächtnis“, Version 1.1, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Dinge

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DINGE

Version 1.0 (10.10.2017; erhal­ten am: 14.12.2016)

Autor: Stefan Schreiber

Zum Wort
In der grie­chi­schen Philosophie wurde häu­fig prag­mata im Sinne von Sache, Beschäftigung oder Angelegenheit ver­wen­det. Dies ent­spricht in etwa den lat. res und causa, Ding und Sache. Das in den ger­ma­ni­schen Sprachen ver­wen­dete Þing/Thing/Ding geht auf germ. *þenga- zurück und meint Übereinkommen bzw. (Gerichts-)Versammlung. [StS]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte













  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Im onto­lo­gi­schen Sinne wer­den Dinge seit der Antike als phy­si­sche und der Wahrnehmung zugäng­li­che Erscheinungsformen des Seins ver­stan­den. Strittig ist, was sie als Entitäten aus­macht und zusam­men­hält. Insbesondere der Atomismus LEUKIPPS und DEMOKRITS sowie die Unterscheidung in Materie/Stoff (gr. hýlē) und Form (gr. mor­phḗ) in der Substanzlehre ARISTOTELES’ (Metaphysik) präg­ten die antike Diskussion. PLATON dage­gen ent­warf in sei­ner Ideenlehre die Dinge als ver­gäng­li­che Abbilder (gr. eidos) unver­gäng­li­cher Ideen. Erst die Ideen gäben den Dingen Sein und Wesen (gr. ousía). Damit schuf er eine Unterscheidung, die René DESCARTES in einen Dualismus umwan­delte, der Leib/Körper einer­seits und Seele/Geist ande­rer­seits schied. Bis heute wirkt die­ser Dualismus in Form der Trennung von Objekt und Subjekt fort (BECKERMANN 1999). [StS]

      Quellen:
      BECKERMANN, Ansgar. „Leib-Seele-Problem“. In: SANDKÜHLER, Hans Jörg, (Hrsg.), Enzyklopädie der Philosophie, Band 1. Hamburg 1999, 766–774.
    2. Ethnologie und archäo­lo­gi­sche Praktiken und Methoden gren­zen die Untersuchung von Dingen oft auf mensch­lich her­ge­stellte oder ver­wen­dete Artefakte ein. Da sich deren Form und Funktion nach den jewei­li­gen kul­tu­rel­len Vorstellungen rich­ten, spricht man meist von Materieller Kultur oder Sachkultur (HAHN 2005). Die Ansätze unter­schei­den sich einer­seits durch funk­tio­na­lis­ti­sche und evo­lu­tio­nis­ti­sche Fragestellungen zur Entwicklung des Menschen gene­rell und ande­rer­seits zu kul­tur­spe­zi­fi­schen Herstellungsprozessen ein­zel­ner Zeit-Räume. In ers­te­rem Fall steht die Anpassungsleistung des Menschen an natür­li­che Anforderungen im Mittelpunkt. Energetischer und Ressourcenaufwand sowie tech­no­lo­gi­sche Innovationen sind die Hauptindikatoren sol­cher Artefaktentwicklung. In kul­tur­spe­zi­fi­schen Fragestellungen wer­den vor allem chrono-typo­lo­gi­sche Ausprägungen von Artefakten ana­ly­siert. Untersuchungen zu Form- und Stilentwicklungen tre­ten neben jene tech­no­lo­gi­scher chaîne ope­ra­toires (LEMONNIER 1992). Über Artefaktverbreitungen wer­den weit­rei­chende kul­tur­his­to­ri­sche Fragestellungen wie Austauschbeziehungen, kul­tu­relle Räume, Normen und Grenzen beant­wor­tet. [StS]

      Quellen:
      HAHN, Hans Peter. Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005.
      LEMONNIER, Pierre. Elements for an Anthropology of Technology. Ann Arbor 1992.
    3. Als Zeichen- und Bedeutungsträger wer­den Dinge in semio­ti­schen und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­schen Ansätzen begrif­fen. Diese Bedeutungen wer­den den vor­ran­gig auf­grund von Form und Material fest­ge­leg­ten Funktionen ent­ge­gen­ge­stellt. Dinge kön­nen zwar ihre prak­ti­sche Funktion ein­bü­ßen, als Semiophoren – Bedeutungsträger – im musea­len oder Grabkontext jedoch immer noch als „Repräsentanten des Unsichtbaren“ (POMIAN 1988, 58) die­nen. Die mate­ri­elle Dimension von Dingen wird hier­bei auf ihre Dauerhaftigkeit redu­ziert, um die Langlebigkeit, Stabilität und den Erinnerungscharakter von Zeichen erklär­bar zu machen: Dinge wer­den zu „kris­tal­li­sier­tem Sinn“ (MIKLAUTZ 1996). Dabei ist strit­tig, wie Bedeutungen in Dinge ein­ge­schrie­ben wer­den und ob jeweils kul­tur- und milieu­spe­zi­fi­sche Bedeutungsinhalte über­haupt anhand der Form der mate­ri­el­len Kultur fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Ansätze, wel­che Bedeutungen als kul­tu­relle „Texte“ ver­ste­hen, wel­che gele­sen bzw. deco­diert wer­den könn­ten, wer­den inzwi­schen auf­grund ihrer nicht all­ge­mein gül­ti­gen Syntax und der feh­len­den Abgeschlossenheit und Kohärenz kri­tisch betrach­tet. Optimistischer wer­den dage­gen die Möglichkeiten ein­ge­schätzt, die Bedeutungsänderungen und ‑zuschrei­bun­gen anhand der kon­kre­ten Verwendungen von Dingen zu ana­ly­sie­ren (KIENLIN 2005; HOFMANN und SCHREIBER 2014). [StS]

      Quellen:
      HOFMANN, Kerstin P., und SCHREIBER, Stefan. „Materielle Kultur“. In: MÖLDERS, Doreen, und WOLFRAM, Sabine, (Hrsgg.). Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie. Münster, New York 2014, 179–183.
      KIENLIN, Tobias L., (Hrsg.). Die Dinge als Zeichen: Kulturelles Wissen und mate­ri­elle Kultur. Internationale Fachtagung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 3. — 5. April 2003. Bonn 2005.
      MIKLAUTZ, Elfie. Kristallisierter Sinn. Ein Beitrag zur sozio­lo­gi­schen Theorie des Artefakts. München 1996.
      POMIAN, Krzysztof. Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln. Berlin 1988.
    4. Praxeologische Ansätze der Soziologie, der Kultur- und Sozialanthropologie sowie der Archäologie begrei­fen Dinge als mate­ri­elle Bedingungen und Ergebnisse von sozia­len und kul­tu­rel­len Handlungsvollzügen. Dinge par­ti­zi­pie­ren daher an Handlungen und sind immer auch sozial. Ihnen wird ein Social Life of Things zuge­stan­den, das es z. B. mit­tels Objektbiographien zu unter­su­chen gilt (APPADURAI 1986). Das Soziale als Mensch-Mensch-Beziehung wird damit um die Untersuchung von Mensch-Ding-Beziehungen ergänzt. Dadurch ste­hen nicht die essen­ti­el­len Eigenschaften der Dinge im Fokus, son­dern die mit den Dingen ver­bun­de­nen Praktiken der Produktion, Distribution und Konsumtion inklu­sive der damit ver­bun­de­nen Bedeutungszuschreibungen und kul­tu­rel­len Verflechtungen (STOCKHAMMER 2011). Archäologisch und eth­no­lo­gisch sind diese Ansätze ins­be­son­dere mit der Konsumforschung ver­bun­den (MILLER 1987). [StS]

      Quellen:
      APPADURAI, Arjun, (Hrsg.). The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective. Cambridge 1986.
      MILLER, Daniel. Material Culture and Mass Consumption. Oxford 1987.
      STOCKHAMMER, Philipp W. „Von der Postmoderne zum prac­tice turn: Für ein neues Verständnis des Mensch-Ding-Verhältnisses in der Archäologie“. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 52.2 (2011), 188–214.
    5. In post­hu­ma­nis­ti­schen Diskursen der Philosophie, der femi­nis­ti­schen Theorie und der Kulturwissenschaften wer­den Dinge in Anlehnung an die ety­mo­lo­gi­sche Herleitung des alt­germ. Thing und der Philosophie Martin HEIDEGGERS als Versammlungen wider­strei­ten­der Bestandteile kon­zi­piert. Sie sind von Unbestimmtheit, Irritation, Eigensinn, Zufall und Abweichung geprägt. Dinge sind im Werden, in Auflösung und Neuzusammensetzung begrif­fen und damit eher Prozesse als Objekte. Das Ding wird damit zum Überbegriff für ver­schie­denste Ausprägungen und umfasst sowohl natür­li­che Phänomene, als auch je nach Konzeption nicht­mensch­li­che und mensch­li­che Bestandteile sowie ebenso vir­tu­elle und ima­gi­nierte Phänomene. Gemeinsam ist den ver­schie­de­nen Diskursen, dass sie zu einer eher onto­lo­gi­schen Sicht auf Dinge zurück­keh­ren und den Menschen als (moder­nen) Spezialfall von Ding-Versammlungen begrei­fen. Der post­hu­ma­nis­ti­sche Blick bewirkt dabei eine Verschiebung weg von den Eigenschaften und Substanzen der Dinge hin zu den Relationen und der Herausbildung von Relationen zwi­schen und in den Dingen (LATOUR 2007; BRYANT 2011). [StS]

      Quellen:
      BRYANT, Levi R. The Democracy of Objects. Ann Arbor 2011.
      LATOUR, Bruno. Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt a. M 2007.
  2. Literatur zum Begriff
  3. HILGERT, Markus, HOFMANN, Kerstin P., und SIMON, Henrike, (Hrsgg.). Objektepistemologien. Zum Verhältnis von Dingen und Wissen. Berlin 2018.
    HOFMANN, Kerstin P., MEIER, Thomas, MÖLDERS, Doreen, und SCHREIBER, Stefan, (Hrsgg.). Massendinghaltung in der Archäologie. Der mate­rial turn und die Ur-und Frühgeschichte. Leiden 2016.
    JOST, Susanne Christina. Pro Memoria – Das Ding. Ein Beitrag zur eth­no­lo­gi­schen Wiederentdeckung des Dings. Weimar 2001.
    SAMIDA, Stefanie, EGGERT, Manfred K. H., und HAHN, Hans Peter, (Hrsgg.). Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen. Stuttgart/Weimar 2014.
    SCHREIBER, Stefan. „Von kul­tu­rel­len Objekten zu trans­kul­tu­rel­len Dingversammlungen? Archäologie aus neo-mate­ria­lis­ti­scher Perspektive“. In: Jahrbuch der a.r.t.e.s Graduate School for the Humanities Cologne 2015/16. Köln 2016, 96–106.
  4. Weiterführende Links
  5. Artikel „Materielle Kultur“ bei Docupedia
    Webseite von Hans Peter Hahn zur Materiellen Kultur

PDF Zitiervorschlag: Stefan Schreiber, „Dinge“, Version 1.0, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Wissen

ORGANON ter­mi­no­logy tool­box (von gr. ὄργανον: Werkzeug) ist ein Instrument zur Orientierung in der Landschaft inter­dis­zi­pli­när rele­van­ter Begriffe und Theorien. Mit weni­gen Blicken fin­den Sie hier einen Überblick über rele­vante Diskurse, Grundlagentexte und wei­ter­füh­rende Links.

WISSEN

Version 1.1 (10.10.2017; erhal­ten am: 06.1.2017)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Wissen ist ein Begriff, der sowohl in Philosophie und Wissenschaftstheorie, als auch in ver­schie­de­nen Sozial- und Kulturwissenschaften eine maß­geb­li­che Rolle spielt. Die phi­lo­so­phi­sche Tradition weist eine Kontinuität von gr. epis­tēmē und lat. sci­en­tia zu engl. know­ledge, sci­ence, frz. savoir, sci­ence und dt. Wissen, Wissenschaft auf. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte







  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In phi­lo­so­phi­scher Tradition ist ein zen­tra­les Motiv des Wortgebrauchs das der Erkenntnissicherung. PLATON und ARISTOTELES arbei­ten dazu die Unterscheidung zwi­schen epis­tēmē (Wissen) einer­seits, und Überzeugung und Meinung (pís­tis; dóxa) ande­rer­seits her­aus: Während Überzeugungen und Meinungen falsch sein kön­nen, zeichne sich Wissen durch Passung an die Ordnung des Seienden aus. Dieser Aspekt des Begriffs ‘Wissen’ ist in der Geschichte der Philosophie kon­ti­nu­ier­lich tra­diert wor­den und mün­dete in der kano­ni­schen Formel, Wissen sei ‘gerecht­fer­tigte, wahre Überzeugung’. Andere Aspekte der Wissensproblematik unter­la­gen dage­gen tief­grei­fen­den Transformationen. So war z. B. der grie­chi­sche Begriff der epis­tēmē mit der Annahme einer unver­än­der­li­chen Ordnung des Seienden ver­bun­den. In moder­nen Wissenstheorien wurde dage­gen der Unterschied zwi­schen ‘wis­sen’ einer­seits und ‘mei­nen’, ‘glau­ben’ etc. ande­rer­seits sub­jekt­theo­re­tisch, logisch oder sprach­prag­ma­tisch gedeu­tet. [WK]

      Quellen:
      PLATON. Gorgias 454b.
      ARISTOTELES. Nikomachische Ethik, Buch VI, Kap. 3 u. 4.
    2. Mit dem Entstehen von Geschichts‑, Sozial- und Kulturwissenschaften im 19. Jahrhundert trat als wei­te­res Begriffsmotiv die Einsicht in die his­to­ri­sche und soziale Rolle von Wissen her­vor. Charakteristisch für diese Diskurse ist, dass sie das Handeln und Denken von Menschen in Hinsicht auf deren kol­lek­tive Konstitution und Relevanz betrach­ten: wel­che Praktiken, Normen, Überzeugungen, Denkformen und Symbolismen las­sen sich in einer Kultur / Gesellschaft/ Epoche beob­ach­ten, wel­che cha­rak­te­ri­sie­ren sie und wel­che tau­gen als Mittel der Erklärung, wenn es darum geht, gesell­schaft­li­che Transformationen oder auch das Verhalten bestimm­ter Gesellschaftsteile oder ‑mit­glie­der zu beschrei­ben. Das bedeu­tet zum einen, dass Wissen somit selbst zu einem wis­sen­schaft­li­chen Gegenstand wird, der beob­ach­tet und sozi­al­räum­lich ver­or­tet wer­den kann, zum ande­ren, dass Wissen in sei­ner Funktion für die Konstitution von Kollektiven und Gesellschaften in den Blick genom­men wird. Eine zen­trale Rolle in die­sem Sinne spielt der Wissensbegriff in der Wissenssoziologie (SCHELER; MANNHEIM), in struk­tu­ra­lis­ti­schen und post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Ansätzen (LÉVI-STRAUSS; FOUCAULT) und in der Epistemologie der Naturwissenschaften (FLECK; KUHN; CANGUILHEM). [WK]

      Quellen:
      MANNHEIM, Karl. Ideologie und Utopie. Frankfurt/M. 1985 [1929].
    3. Im sprach­phi­lo­so­phi­schen Diskurs um com­mon sense, Alltagswissen und gewöhn­li­che Sprache (ordi­nary lan­guage) des frü­hen 20. Jahrhunderts wurde die Unterscheidung von prak­ti­schem und theo­re­ti­schem Wissen zu einem pro­mi­nen­ten Thema. Als Vorläufer die­ser Einteilung wird häu­fig die aris­to­te­li­sche Distinktion von techné (Könnerschaft) und epis­tēmē (Wissen) ange­führt. Der Aspekt der Könnerschaft und Fertigkeit (techné) wurde aller­dings – in der Übersetzung mit ars – zu einem Regelwissen umge­deu­tet und kam erst mit den intel­lek­tua­lis­mus-kri­ti­schen Überlegungen der frü­hen Sprachphilosophie wie­der zu Geltung. Ludwig WITTGENSTEIN ver­half dem Gedanken einer prak­ti­schen Regelkompetenz zu Geltung und Gilbert RYLE prägte die Unterscheidung von kno­wing how und kno­wing that. Mit Michael POLANYIES Einführung des Begriffs tacit know­ledge fand das Konzept eines nicht-aus­drück­li­chen, kör­per­li­chen Wissens Eingang in die Kultur- und Wissenschaftstheorie. Im Verbund mit phä­no­me­no­lo­gi­schen Ansätzen, die den Mensch-Welt-Bezug stets schon als leib­li­che und auch mate­rial struk­tu­rierte Relation auf­fas­sen, haben in der jün­ge­ren Wissenschafts- und Techniktheorie eine Vielzahl von Ansätzen den Begriff des Wissens als eine Kompetenz ver­stan­den, die sich nicht nur im Intellekt, son­dern ebenso im Handeln, im Herstellen und auch in den her­ge­stell­ten Dingen mani­fes­tiert. [WK]

      Quellen:
      RYLE, Gilbert. Der Begriff des Geistes. Stuttgart 1969.
      POLANYI, Michael. Implizites Wissen. Frankfurt/M. 1985 [1966].
  2. Literatur zum Begriff
  3. KOGGE, Werner. Verkörperung – Embodiment – Körperwissen: Eine his­to­risch-sys­te­ma­ti­sche Kartierung. In: RENGER, Almut, und WULF, Christoph (Hrsg.). Körperwissen: Transfer und Innovation (Paragrana: Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie 25, 1). Berlin 2016, S. 33–48.
    ICHIKAWA, Jonathan Jenkins, und STEUP, Matthias. The Analysis of Knowledge. In: ZALTA, Edward N. The Stanford Encyclopedia of Philosophy. Stanford 2014.
    RITTER, Joachim. Artikel ‘Wissen’. In: Ritter, Joachim (Hg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 12. Basel 1972.
  4. Weiterführende Links
  5. Ausführlicher und brauch­ba­rer Wikipedia-Artikel zu “Implizites Wissen”
    Zum Thema Epistemologie zwi­schen Geschichte und Wissenschaftsphilosophie:
    https://www.mpiwg-berlin.mpg.de/de/node/7423
    Zur Behandlung des Wissensbegriffs in der ana­ly­ti­schen Philosophie:
    Gerhard Ernst: Der Wissensbegriff in der Diskussion

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Wissen“, Version 1.1, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Narration / Erzählung

ORGANON ter­mi­no­logy tool­box (von gr. ὄργανον: Werkzeug) ist ein Instrument zur Orientierung in der Landschaft inter­dis­zi­pli­när rele­van­ter Begriffe und Theorien. Mit weni­gen Blicken fin­den Sie hier einen Überblick über rele­vante Diskurse, Grundlagentexte und wei­ter­füh­rende Links.

NARRATION / ERZÄHLUNG

Version 1.0 (21.11.2019; erhal­ten am: 15.04.2019)

Autor: Felix Wiedemann

Zum Wort
Der deut­sche Begriff „Erzählung“ lei­tet sich ver­mut­lich von der Tätigkeit des Zählens bzw. des Aufzählens (von Ereignissen, Begebenheiten) her.

Der im Englischen und Französischen gebrauchte Begriff „nar­ra­tion“ geht auf das Lateinische nar­ra­tio zurück – abge­lei­tet von gna­rus (bekannt, kun­dig, wis­send).

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte
















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In Anlehnung an die Poetik des ARISTOTELES fokus­sie­ren alle Annäherungen an den Erzählbegriff auf die tem­po­rale Struktur („Anfang-Mitte-Ende“) und die Verknüpfungsleistung von Erzählungen (das „Zusammensetzen der Geschehnisse“ (ARISTOTELES, Poetik 1450a)). Demnach sind Erzählungen münd­li­che oder schrift­li­che Darstellungen, die ver­schie­dene Elemente (Personen, Dinge, Ereignisse, Räume, etc.) sinn­voll mit­ein­an­der ver­knüp­fen und zeit­lich anord­nen. [FW]

      Quellen:
      ARISTOTELES. Poetik.
    2. In der phi­lo­so­phi­schen Debatte vari­iert der onto­lo­gi­sche Status der Erzählung. Eine Position geht von einem grund­le­gen­den Zusammenhang von „Leben“ und „Erzählen“ aus und begreift das mensch­li­che Leben selbst als Geschichte oder Erzählung. Der Mensch erscheint hier mit­hin als ein fun­da­men­tal „in Geschichten verstrickt[es]“ Wesen. [FW]

      Quellen:
      ARENDT, Hannah. Vita Activa oder Vom täti­gen Leben. München 2011, 213–234.
      SCHAPP, Wilhelm. In Geschichten ver­strickt. Zum Sein von Mensch und Ding. Frankfurt/Main 2012.
    3. Von der phi­lo­so­phi­schen Debatte lässt sich die Position des nar­ra­ti­ven Konstruktivismus unter­schei­den. Hier wird das Erzählen als (kogni­tiv ver­an­kerte) Struktur begrif­fen, der der Mensch Erfahrungen und Handlungen erst auf­er­legt, um diese in eine kohä­rente Ordnung zu über­füh­ren. Zwischen „Leben“ (bzw. „Geschehen“ und „Handeln“) und „Denken“ (bzw. Repräsentation) gibt es keine Kontinuität, son­dern einen Bruch. Paul RICŒURS dia­lek­ti­sches Modell der „drei­fa­chen Mimesis“ kom­bi­niert beide Positionen: Die prä­nar­ra­tive Struktur (Präfiguration) wird auf der Ebene der Erzählung gebro­chen und neu arran­giert (Refiguration) und wirkt ihrer­seits auf Leben und Handeln zurück (Konfiguration). [FW]

      Quellen:
      MINK, Louis O. „History and Fiction as Modes of Comprehension”. In: New Literary History 1 (1970), 541–558.
      RICŒUR, Paul. Zeit und Erzählung. 3 Bände. München 2007.
    4. Anders als in der Philosophie geht es in den Literaturwissenschaften um Erzählungen als eine spe­zi­fi­sche Text- und Darstellungsform. In der klas­si­schen Erzählforschung fun­giert die „Mittelbarkeit“ als Konstituens von Erzähltexten: Eine Erzählung ist dem­nach eine Geschichte, die durch eine (von der kon­kre­ten Autorin bzw. vom Autor unter­schie­dene) Erzählinstanz ver­mit­telt wird. [FW]

      Quellen:
      LÄMMERT, Eberhard. Bauformen des Erzählens. Stuttgart 2004.
      STANZEL, Franz K. Theorie des Erzählens. Göttingen 2008.
    5. Demgegenüber wird „Erzählen“ in der struk­tu­ra­lis­ti­schen Narratologie als grund­le­gen­der sprach­li­cher Modus auf­ge­fasst, der von ande­ren Modi oder Texttypen unter­schie­den wer­den kann: Im Unterschied zur Argumentation oder Deskription ist die Narration ein tem­po­ra­ler Darstellungsmodus und the­ma­ti­siert immer Veränderungen (von Zuständen oder Situationen). [FW]

      Quellen:
      GENETTE, Gerard. Die Erzählung. Paderborn 2010.
      BAL, Mieke. Narratology. Introduction to the Theory of Narrative. Toronto 2009, 35–47.
    6. Narratologische Ansätze wer­den zuneh­mend auch auf fak­tuale Erzählungen ange­wandt. Darunter wer­den erzäh­lende Texte ver­stan­den, die auf die Vermittlung wah­rer Sachverhalte abzie­len und von den Rezipient*innen auch ent­spre­chend ver­stan­den wer­den (unab­hän­gig davon, ob die dar­ge­stell­ten Inhalte auch tat­säch­lich wahr sind oder nicht). [FW]

      Quellen:
      GENETTE, Gerard. Fiktion und Diktion. München 1992.
      FLUDERNIK, Monika, FALKENHAYNER, Nicola, und STEINER, Julia, (Hrsgg.). Faktuales und fik­tio­na­les Erzählen. Band 1: Interdisziplinäre Perspektiven. Würzburg 2015.
    7. Das klas­si­sche Beispiel fak­tua­ler Erzählungen stellt die Geschichtsschreibung dar, über deren Verhältnis zur Literatur seit der Antike dis­ku­tiert wird. Im Rückgriff auf lite­ra­tur­theo­re­ti­sche Ansätze hat die Historiographiegeschichte jene Strategien her­aus­ge­ar­bei­tet, mit denen in his­to­ri­schen Darstellungen Ereignisse nar­ra­tiv auf­ein­an­der bezo­gen und zu bedeu­tungs­vol­len Geschichten ver­knüpft wer­den. Während Hayden WHITE die nar­ra­tive Verknüpfung an aprio­ri­sche Strukturen kop­pelt und die Grenze zwi­schen lite­ra­ri­schen und his­to­rio­gra­phi­schen Erzählungen ver­wischt, insis­tie­ren jün­gere Arbeiten auf der Differenzierung fak­tua­len und fik­tio­na­len Erzählens und beto­nen die Variabilität his­to­rio­gra­phi­scher Erzählmuster. [FW]

      Quellen:
      WHITE, Hayden. Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe. Baltimore 1973.
      RÜTH, Axel. Erzählte Geschichte. Narrative Strukturen in der fran­zö­si­schen Annales-Geschichtsschreibung. Berlin 2005.
    8. Ein ande­res Anwendungsfeld stellt die Sozialpsychologie dar. Hier haben sich Ansätze einer nar­ra­ti­ven Psychologie eta­bliert, die auf den Akt des Erzählens und seine Bedeutung bei der Repräsentation und Verarbeitung mensch­li­cher Erlebnisse fokus­sie­ren: Es ist die nar­ra­tive Repräsentation, die es erlaubt, ein auf der indi­vi­du­el­len wie kol­lek­ti­ven Ebene beson­ders dis­pa­rat und sinn­los erfah­re­nes Geschehen als eine sinn­hafte Geschichte zu erfas­sen. [FW]

      Quellen:
      SARBIN, Theodore, (Hrsg.). Narrative Psychology. The Storied Nature of Human Conduct. New York 1986.
      STRAUB, Jürgen, (Hrsg.). Erzählung, Identität und his­to­ri­sches Bewußtsein. Die psy­cho­lo­gi­sche Konstruktion von Zeit und Geschichte. Frankfurt/Main 1998.
    9. Auf einer sehr viel all­ge­mei­ne­ren Ebene set­zen Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte an und beschäf­ti­gen sich mit der epis­te­mi­schen Funktion von Erzählungen. Hier wird die nar­ra­tive Verknüpfung als eine Form des Weltzugangs oder gar der Welterzeugung begrif­fen, so dass der Erzählung nicht erst bei der Repräsentation, son­dern bereits bei der Erzeugung von Wissen eine kon­sti­tu­tive Rolle zukommt. [FW]

      Quellen:
      ENGLER, Balz, (Hrsg.). Erzählen in den Wissenschaften. Positionen, Probleme, Perspektiven. 26. Kolloquium der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Fribourg 2010.
      KLEIN, Christian, und MARTÍNEZ, Matías, (Hrsgg.). Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-lite­ra­ri­schen Erzählens. Stuttgart 2009, 1–13.
  2. Literatur zum Begriff
  3. STROHMAIER, Alexandra, (Hrsg.). Kultur – Wissen – Narration. Perspektiven trans­dis­zi­pli­nä­rer Erzählforschung für die Kulturwissenschaften. Bielefeld 2013.
    MEUTER, Norbert. „Geschichten erzäh­len, Geschichten ana­ly­sie­ren. Das nar­ra­ti­vis­ti­sche Paradigma in den Kulturwissenschaften“. In: JÄGER, Friedrich, und STRAUB, Jürgen, (Hrsgg.). Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 2: Paradigmen und Disziplinen. Stuttgart/Weimar 2004, 140–155.
    THOMÄ, Dieter. Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als phi­lo­so­phi­sches Problem. Frankfurt/Main 2007.
  4. Weiterführende Links
  5. Saupe, Achim, und Wiedemann, Felix. „Narration und Narratologie. Erzähltheorien in der Geschichtswissenschaft“. Version 1.0, 28.01.2015.
    In: Docupedia – Zeitgeschichte.

PDF Zitiervorschlag: Felix Wiedemann, „Narration / Erzählung“, Version 1.0, 21.11.2019,
ORGANON ter­mi­no­logy tool­box,
Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Versionsgeschichte
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Metapher

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METAPHER

Version 1.2 (25.11.2019; erhal­ten am: 15.01.2017)

Autoren: Christian Barth, Werner Kogge, Daniel A. Werning

Zum Wort
Das grie­chi­sche Kompositum meta­phé­rein drückt ein „Anderswohintragen“ aus.

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte














  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In sei­ner Poetik bestimmt ARISTOTELES Metaphern als sprach­li­che Ausdrücke, die sich auf andere Dinge in der Welt bezie­hen als sie es in ihrem gewöhn­li­chen Gebrauch tun (Poetik 21, 1457b9–16 und 20–22). Er unter­schei­det vier Fälle des meta­pho­ri­schen Gebrauchs: (i) Die Bedeutung wech­selt von einem bestimm­ten Genus zu einer bestimm­ten Spezies. (ii) Sie wech­selt von einer bestimm­ten Spezies zu einem bestimm­ten Genus. (iii) Sie wech­selt von einer bestimm­ten Spezies zu einer ande­ren. (iv) Sie wech­selt durch ana­loge Übertragung. In der moder­nen Taxonomie figür­li­cher Rede gehö­ren die bei­den ers­ten Fälle zu den Synekdochen, der dritte Fall ist am ehes­ten als eine Metonymie auf­zu­fas­sen. Analogie-Metaphern kom­men dem moder­nen Verständnis von Metaphern am nächs­ten. In ihrem Fall wer­den laut ARISTOTELES die Verhältnisse zwi­schen jeweils zwei Dingen mit­ein­an­der in Beziehung gesetzt: So wie sich A zu B ver­hält, ver­hält sich C zu D. Die Bedeutung des meta­pho­risch gebrauch­ten Ausdrucks wech­selt in die­sem Fall von B (gewöhn­li­che Bedeutung) zu D (meta­pho­ri­sche Bedeutung) bzw. von D (gewöhn­li­che Bedeutung) zu B (meta­pho­ri­sche Bedeutung). Vergleiche wer­den von ARISTOTELES als Metaphern ver­stan­den. Ihre Besonderheit besteht nur im sprach­li­chen Ausdruck, der ein „wie“ ent­hält („A ist wie B“). Ihrer Natur nach unter­schei­den sie sich von Metaphern aber nicht (Rhetorik III, 1406b20-27). [CB]

      Quellen:
      ARISTOTELES. Rhetorik, Buch III.
      ARISTOTELES. Poetik, 21–22.
    2. Den zen­tra­len Ausgangspunkt der zeit­ge­nös­si­schen Metapherntheorie bil­det die „Interaktionstheorie der Metapher“ Max BLACKS (1996 (1954)). Grundgedanke ist hier, dass in Metaphern zwei Bedeutungssysteme mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den und zwar so, dass ein gan­zes „System asso­zi­ier­ter Gemeinplätze“ (71) auf einen Gegenstand bezo­gen wird. Die Interaktionstheorie wider­spricht der Substitutionstheorie der Metapher, also der Auffassung, die behaup­tet, meta­pho­ri­sche Formulierungen seien nur schmü­cken­des oder ver­an­schau­li­chen­des Beiwerk und könn­ten auf wört­li­che Formulierungen zurück­ge­führt oder durch sol­che ersetzt wer­den. Paul RICŒUR, ein wei­te­rer Referenzautor der Metaphorologie im 20. Jahrhundert, hat gegen Max BLACK (dem er in vie­len Punkten folgt) ein­ge­wandt, dass die Metapher nicht als eine bloße Kombination eta­blier­ter Gemeinplätze gedacht wer­den dürfe, da auf die­sem Wege eine Substitutionstheorie nicht wirk­lich über­wun­den wer­den könne. RICŒUR schlägt dage­gen vor, die Metapher als eine „seman­ti­sche Innovation“ zu ver­ste­hen, „die in der Sprache keine Stelle als schon Eingeführtes hat.“ (RICŒUR 1986, 165) Mit die­ser Zuspitzung auf das krea­tive Moment ent­steht für RICŒUR aber das Problem, wie denn jene sprach­li­chen Figuren zu bestim­men sind, die sich als meta­pho­risch aus­wei­sen, aber alt­be­kannt sind. Zur Auflösung die­ses Problems führt RICŒUR die Unterscheidung von leben­di­ger Metapher, die „zugleich Ereignis und Sinn“ (166) ist, und toter Metapher ein, wel­che „wie­der zu einer gewöhn­li­chen Bedeutung [wird]“ (166). [WK]

      Quellen:
      RICŒUR, Paul. Die leben­dige Metapher (1975). München 1986.
      BLACK, Max. „Die Metapher“ (1954). In: HAVERKAMP, Anselm, (Hrsg.). Theorie der Metapher. Darmstadt 1996, 55–79.
    3. Für die Wissenschaftstheorie wurde der Ansatz von Mary HESSE bedeut­sam, theo­re­ti­sche Erklärung gene­rell als „meta­pho­ric rede­scrip­tion of the domain of the expla­nan­dum“ (HESSE 1966, 157) zu fas­sen. HESSE geht davon aus, dass wis­sen­schaft­li­che Erkenntnisse durch Übersetzungen in sym­bo­li­sche Artefakte gewon­nen wer­den. Mit dem Begriff rede­scrip­tion bezeich­net HESSE den Übergang von einer „‘obser­va­tion’ lan­guage“ zur Neufassung „in terms of a theo­re­ti­cal model“ (ARBIB und HESSE 1986, 156). [WK]

      Quellen:
      HESSE, Mary B. Models and Analogies in Science. Notre Dame 1966.
      ARBIB, Michael A., und HESSE, Mary B. The Construction of Reality. Cambridge 1986.
    4. In der kon­zep­tu­el­len Metapherntheorie der kogni­ti­ven Linguistik (engl. Conceptual Metaphor Theory, CMT) wird, aus­ge­hend von George LAKOFF und Mark JOHNSON (LAKOFF und JOHNSON 1980), eine Metapher als ein Vergleich von Teilen zweier ver­schie­de­ner „kon­zep­tu­el­ler Domänen“ defi­niert. Dabei wird die eine, das Vehikel/der Bildspender, als Quelldomäne (z. B. Reise), die andere als Zieldomäne (z. B. Liebe) bezeich­net (engl. source domain, tar­get domain). Angesprochen wird die kon­zep­tu­elle Metapher in Formeln wie z. B. „Liebe ist eine Reise“. Die Interpretation der Metapher ergibt sich durch eine zumeist selek­tive, kogni­tive Überlagerung der zwei ver­gli­che­nen Domänenausschnitte (Conceptual Blending Theory). Die CMT inter­es­siert sich u. a. für die kon­zep­tu­el­len Metaphern zugrun­de­lie­gende Lebenserfahrungen, z. B. für mög­li­che kör­per­li­che Grundlagen. Hier rückt auch die Frage der Kulturabhängigkeit von Metaphern in den Blick. Konzeptuelle Metaphern wer­den nicht nur in sprach­li­chen Medien unter­sucht, son­dern auch in z. B. Gesten, Architektur und Bildern (bedeu­tend ist groß). Im Rahmen der CMT kön­nen auch expli­zite Vergleiche mit „wie“ als „signa­li­sierte“ Metaphern ver­stan­den wer­den. Im Unterschied zur Metapher stellt die Metonymie eine Ersetzung eines Begriffs durch einen ande­ren inner­halb ein und der­sel­ben kon­zep­tu­el­len Domäne dar, z. B. das Weiße Haus für den/anstelle des US-ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten. Angesprochen wird die kon­zep­tu­elle Metonymie mit Formeln wie „Das Weiße Haus steht für den US-ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten“). Nach RICŒUR wird nur zwi­schen „toten“ Metaphern und innovativen/„lebendigen“ Metaphern unter­schie­den (siehe oben). Ein zwei­di­men­sio­na­les Klassifizierungsmodell hat Cornelia MÜLLER (2008) vor­ge­schla­gen: Sie unter­schei­det (i) eine über­in­di­vi­du­ell-ver­all­ge­mei­nernde, gesamt­sprach­li­che Klassifizierung aus Forscher*innen-Sicht von einer (ii) Klassifizierung der Metaphern-Verwendung im kon­kre­ten Kontext (Pragmatik). Im ers­ten Fall unter­schei­det sie zwi­schen novel, ent­ren­ched und his­to­ri­cal meta­phors, im zwei­ten Fall zwi­schen waking und slee­ping meta­phors. Damit las­sen sich u. a. Phänomene beschrei­ben, bei denen der Metaphern-Charakter ein­ge­bür­ger­ter, d. h. nor­ma­ler­weise nicht kogni­tiv als Metaphern ver­ar­bei­te­ter Metaphern in einem kon­kre­ten Verwendungskontext ins Bewusstsein geho­ben wird („Erwecken von schla­fen­den Metaphern“). Die CMT inter­es­siert sich zwar auch für „inno­va­tive“, aber ins­be­son­dere für „ein­ge­bür­gerte“ und „his­to­ri­sche“ Metaphern/Metonymien. [DW]

      Quellen:
      LAKOFF, George, und JOHNSON, Mark. Metaphors We Live By. Chicago 1980.
      (dt. Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Aus d. Amerikan. übers. von Astrid Hildenbrand. Heidelberg 1998.)
      RICŒUR, Paul. Die leben­dige Metapher (1975). München 1986.
      MÜLLER, Cornelia. Metaphors Dead and Alive, Sleeping and Waking. A Dynamic View. Chicago 2008.
      KÖVECSES, Zoltán. Metaphor. A Practical Introduction. Oxford 2010.
  2. Literatur zum Begriff
  3. DEBATIN, Bernhard. Die Rationalität der Metapher: Eine sprach­phi­lo­so­phi­sche und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­sche Untersuchung. Berlin 1995.
    GEHRING, Petra. „Das Bild vom Sprachbild. Die Metapher und das Visuelle“. In: DANNEBERG, Lutz, SPOERHASE, Carlos, und WERLE, Dirk, (Hrsgg.). Begriffe, Metaphern und Imaginationen in Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Wiesbaden 2009, 81–101.
    HAVERKAMP, Anselm, (Hrsg.). Theorie der Metapher. Darmstadt 1983.
    KOGGE, Werner. „Grammatische Untersuchung und Metapherntheorie. Wie (und wie nicht) Philosophie eine kri­ti­sche Untersuchung des Sprachgebrauchs leis­ten kann“. In: Experimentelle Begriffsforschung. Philosophische Interventionen am Beispiel von Code, Information und Skript in der Molekularbiologie. Weilerswist 2017, 257–276.
  4. Weiterführende Links
  5. Open Access Fachzeitschrift metaphorik.de

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, Werner Kogge und Daniel A. Werning, „Metapher“, Version 1.2, 25.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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