Staat

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STAAT

(von lat. sta­tus: Stand, Zustand; ital. stato, franz. état (estat), engl. state)

Version 1.0 (08.06.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Das latei­ni­sche Wort sta­tus mit der Bedeutung Zustand, Lage, Verfasstheit ver­langte gram­ma­ti­ka­lisch ein Genitivattribut: sta­tus rei publi­cae; sta­tus civi­ta­tis – ‘Zu-Stand des Gemeinwesens’. Bereits in der Antike konnte gele­gent­lich das Attribut weg­fal­len und mit die­ser sprach­li­chen Ellipse ein poli­ti­sches Gemeinwesen direkt adres­siert wer­den. (KÖSTERMANN 1937; SUERBAUM 1961) Als eine Verwendung in theo­re­ti­scher Absicht lässt sich diese sprach­li­che Verschiebung aber erst im 16. Jahrhundert nach­wei­sen: Mit dem Wegfall des Attributs wurde es mög­lich, das poli­ti­sche Gemeinwesen nicht mehr als Zustand von etwas, son­dern als eigene Ordnungsgestalt zu deno­tie­ren. Die Verwendung von sta­tus / stato für ein poli­ti­sches Gemeinwesen spe­zi­fi­scher Art wird zumeist Machiavelli oder den anschlie­ßen­den Diskursen zuge­schrie­ben. (BOLDT u.a. 1990, 9) Das fran­zö­si­sche ‘état’ geht auf die Französisierung von sta­tus zu ‘estat’ im 13. Jahrhundert zurück. [WK]

Quellen:
KÖSTERMANN, Erich. „’Status’ als poli­ti­scher Terminus in der Antike“. Rheinisches Museum Für Philologie 86(3) (1937), 225–240. www.jstor.org/stable/41243415 (besucht am 16.10.2020).
SUERBAUM, Werner. Vom anti­ken zum früh­mit­tel­al­ter­li­chen Staatsbegriff. Über Verwendung und Bedeutung von res publica, regnum, impe­rium und sta­tus von Cicero bis Jordanis. Münster 1961. 
BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte








  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Ein struk­tur­theo­re­ti­scher Staatsbegriff ent­stand im 16. Jahrhundert im Diskurs der neu­zeit­li­chen poli­ti­schen Theorie als das Wort stato zu einem Nomen wurde, das ohne Attribut ste­hen und damit eine selb­stän­dige Sache bezeich­nen konnte. Das poli­ti­sche Gemeinwesen wurde nicht mehr nur als Zusammenschluss von Einzelnen oder Haushalten auf­ge­fasst, son­dern als ein Ordnungsgefüge eige­ner Art, ein quasi-natür­li­cher Strukturzusammenhang, mit dem zu rech­nen ist, der unter­sucht, ver­stan­den, aber auch tech­nisch mani­pu­liert wer­den kann. (MACHIAVELLI 2007, I 9 und 15) In die­sem Diskurs wurde der Staat als Maschine und Apparat (JUSTI zitiert nach WEINACHT 1968, 200) und als eigen­stän­di­ger Körper und Organismus (BOLDT u.a. 1990, 28), kon­zep­tua­li­siert. Als geglie­derte Ganzheit bedeu­tete er auch die Ständeordnung (wobei es zu kom­ple­xen ety­mo­lo­gi­schen Überschneidungen von stareste­hen zu Zustand/ Stand kam). (WEINACHT 1968, 174) In Bezug auf den Hof- und den Fürstenstaat bezeich­nete Staat ins­be­son­dere das Finanzwesen, aber auch das Personal, die Ländereien, die Hofhaltung, die Hofordnung und alles, was von ihr abhän­gig war. (BRUNNER, CONZE und KOSELLECK 1990, 12) In der Folge wurde der Staatsbegriff eng an den Verwaltungsapparat, das Beamtentum und die Bürokratie gekop­pelt. Staat wurde zu einer juris­ti­schen Person, die geschä­digt, der genutzt und der gedient (Staatsdiener) wer­den kann. Als ent­per­so­na­li­sierte und selb­stän­dige Struktursphäre “dau­er­haf­ter Institutionen” (HWPh 39.455) konnte Staat zu einem Gegenstand auch wis­sen­schaft­li­cher Betrachtung wer­den, so dass der Begriff die Möglichkeit einer Staatslehre (JELLINEK 1900) und Staatssoziologie begrün­dete. (WEBER 1956) [WK]

      Quellen:
      BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
      MACHIAVELLI, Niccolo. Il Principe/Der Fürst. Stuttgart 2007. 
      JUSTI, Johann Heinrich Gottlob: Die Chimäre des Gleichgewichts von Europa, Altona 1758, S.47f (zitiert nach Weinacht 1968, S. 200). 
      WEINACHT, Paul-Ludwig. Staat. Studien zur Bedeutungsgeschichte des Wortes von den Anfängen bis ins 19. Jh. Berlin 1968. 
      JELLINEK, Georg. Allgemeine Staatslehre. Berlin 1900. doi: https://doi.org/10.1007/978–3‑642–50936‑0
      WEBER, Max. Staatssoziologie. Berlin 1956. 
    2. In einem herr­schafts­theo­re­ti­schen Diskurs der Neuzeit ver­knüpft ein macht­po­li­ti­scher Staatsbegriff das Konzept mit dem Thema der Zentrierung von Macht (Absolutismus), der Staatsraison (Ragione di Stato), der Souveränität und des Gewaltmonopols.(BOLDT u.a. 12ff.) Staat bedeu­tet in die­ser Diskursvariante das Medium und das Instrument der Herrschaftsausübung gemäß der Grundfrage: Wie kann Herrschen gelin­gen? Von Machiavelli über Bodin und Hobbes bis hin zu Nietzsche und Carl Schmitt wurde der Staatsbegriff durch diese Rahmung geprägt. (BOLDT u.a. 1990, 92; HWPH 39.452 ff.) In der für moder­nes Staatsrechtdenken über­aus wirk­mäch­ti­gen Begriffsanalyse Jellineks bil­det die Staatsgewalt eines der drei kon­sti­tu­ti­ven Elemente (neben Territorium und Staatsvolk; Drei-Elemente-Lehre) (JELLINKEK 1990, 394ff.); ebenso zen­tral, auch das Kriterium der Territorialität affi­zie­rend, in Max Webers wirk­mäch­ti­ger Staatsdefinition: “Staat ist die­je­nige mensch­li­che Gemeinschaft, wel­che inner­halb eines bestimm­ten Gebietes – dies: das „Gebiet“, gehört zum Merkmal – das Monopol legi­ti­mer phy­si­scher Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) bean­sprucht.” (WEBER 2010, 89) Die Kopplung des Staatsbegriffs an das Thema der Zentrierung und Monopolisierung von Herrschaft und Gewalt bedingt einen epo­chen­be­zo­ge­nen Staatsbegriff, in dem der “Ordnungsbegriff Staat” (SCHMITT 1958, 378) sich aus­schließ­lich auf eine Entwicklung der abend­län­di­schen Geschichte bezie­hen lässt, die nach Anfängen im 16. Jahrhundert ins­be­son­dere seit der fran­zö­si­schen Revolution von 1789 ihre eigent­li­che Form annahm Der Staatsbegriff bezeich­net in Bezug auf diese Epoche eine nach außen poli­tisch und ter­ri­to­rial scharf abge­grenzte und nach innen durch Staatsgewalt homo­ge­ni­sierte poli­ti­sche Entität. In die­sem Kontext steht auch die wis­sen­schaft­li­che Auseinandersetzung um der Berechtigung einer Applikation des Staatsbegriffs auf das Mittelalter bzw. um die Konturierung von Staat als ein Phänomen, das die mit­tel­al­ter­li­che Gesellschaftsordnung ablöste (LexMA 1995, 2152; HWdPh 39.450ff.; REYNOLDS 1997 und 2003; DAVIS 2003) In die­ser Debatte ste­hen sich Vertreter des macht­po­li­ti­schen, epo­chen­be­zo­ge­nen Staatsbegriffs und Vertreter des struk­tur­theo­re­ti­schen Staatsbegriffs gegen­über. [WK]

      Quellen:
      BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
      DAVIS, Rees. The Medieval State: The Tyranny of a Concept? Journal of Historical Sociology, 2 (2003), 280–300.
      LexMA. Eintrag „Staat“. In: Lexikon des Mittelalters (Online), Bd. 7. München 1995, 2151–2158.
      HWdPh „Staat“. In: Ritter, Joachim (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10. Basel 1998, 39.450f.
      JELLINEK, Georg. Allgemeine Staatslehre. Berlin 1900. doi: https://doi.org/10.1007/978–3‑642–50936‑0
      REYNOLDS, Susan. The Historiography of the Medieval State. In: Bentley, Michael (Hrsg.). Companion to Historiography. London/New York 1997, 117–138.
      REYNOLDS, Susan. There were States in Medieval Europe. A Response to Rees Davies. Journal of Historical Sociology, 4 (2003), 550–555.
      SCHMITT, Carl. Staat als kon­kre­ter, an eine geschicht­li­che Epoche gebun­de­ner Begriff. In: Ders.. Verfassungsrechtliche Aufsätze aus den Jahren 1924–1954. Materialien zu einer Verfassungslehre. Berlin 1958 (1941). 375–384.
      WEBER, Max. Politik als Beruf. Berlin 2010. 
    3. In einem aris­to­te­li­schen und christ­lich-natur­recht­li­chen Diskurs bin­det ein gemein­wohl­ori­en­tier­ter Staatsbegriff Staat an die ‘gemein­same Sache’ (res publica), an Gemeinwohl (bonum com­mune), Schutz und das aris­to­te­li­sche Strebensziel der eudai­mo­nia (‘Glückseligkeit’) – seit dem 16. Jahrhundert auch in expli­zi­ter Abgrenzung zum herr­schafts­be­zo­ge­nen Staatsbegriff und in anti-machia­vel­lis­ti­scher Absicht. Aristoteles hatte nur sol­che poli­ti­schen Gemeinschaften als Staaten bezeich­net, denen, über ein zweck­ori­en­tier­tes Bündnis (z.B. Schutzbündnisse, Handelsbündnisse) hin­aus, das Strebensziel gemein­sa­mer Verwirklichung von “gutem Leben” inhä­rent ist. (ARISTOTELES, 1280 a,b) Im Mittelalter domi­niert eine Verwendung im Kontext von ‘gutem Regieren’, der “Regentenpflicht ‘bonum sta­tum civi­ta­tis et epi­scopa­tus regere guber­nare et sal­vare’ ”. (WEINACHT 1968, 55) Konzepte der Sorge (cura), der Wohlfahrt, des public good und des bien du peu­ple prä­gen sich dann im Europa des 17. und 18. Jahrhundert dis­kurs­be­stim­mend aus (so bei Keckermann (dazu: WEBER 1992, 110), Pufendorf, Leibniz, Locke, Wolff und im Eintrag ‘Etat (Droit Polit)’ der Encyclopédie (JAUCOURT 1756). (KOGGE 2021) Im Deutschen geht dem Staatsbegriff der wohl­fahrts­ori­en­tierte Begriff des “gemei­nen Wesens” (für res publica) vor­aus, des­sen Konnotate nur all­mäh­lich, und unter Widerständen, im 18. Jahrhundert auf den Staatsbegriff über­gin­gen, voll­endet dann bei dem Kameralisten Johann H.G. v. Justi, exem­pli­fi­ziert im Titel sei­nes Werkes Die Grundfeste zu Macht und Glückseligkeit der Staaten. (JUSTI 1760) In die­ser Tradition wurde Staat auch im 19. Jahrhundert auf­ge­fasst als Vergemeinschaftung, deren Grundsatz nicht nur “gegen­sei­tige Beschützung”, son­dern auch die Ausbildung von “Sittlichkeit” (im Sinne von Ethos) ist. (KRÜNITZ 1835) Dieser zen­trale Bedeutungsaspekt drückt sich nicht nur in der christ­li­chen und sozia­lis­ti­schen Staatslehre des spä­ten 19. Jahrhunderts (STEIN 1850), son­dern noch im 20. Jahrhundert im Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts zu Sealand aus, das die­ser künst­li­chen, mini­ma­len poli­ti­schen Konstruktion die Anerkennung als Staat u.a. mit dem Hinweis ver­wei­gert, dass für den Begriff Staat nicht nur ein “Zusammenschluß zwecks Förderung gemein­sa­mer Hobbys und Interessen […], son­dern eine im wesent­li­chen stän­dige Form des Zusammenlebens i. S. einer Schicksalsgemeinschaft”, ver­bun­den mit der Absicht, “mit­ein­an­der zu leben und damit alle Bereiche des Lebens gemein­sam zu bewäl­ti­gen” – eine Lebensform, die in die­sem Fall nicht gege­ben sei. (VERWALTUNGSGERICHT KÖLN, 03.05.1978, Az. 9 K 2565/77)

      Quellen:
      ARISTOTELES. Politik. N. d. Übers. v. Franz Susemihl m. Einl., Bibl. u. zus. Anm. hrsg. v. Wolfgang Kullmann, Reinbek bei Hamburg 1994. 
      JAUCOURT, Chevalier Louis de. „Etat (Droit polit.)“ In: Édition Numérique Collaborative et Critique de l’Encyclopédie. Band VI. Paris 1756. S. 19 ff. http://enccre.academie-sciences.fr/encyclopedie/article/v6-39–4/ (besucht am 24.05.2021)
      JUSTI, Johann Heinrich Gottlob. Die Grundfeste zu der Macht und Glückseeligkeit der Staaten. Königsberg/Leipzig 1760. https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10688045‑5
      KRÜNITZ, Johann Georg. „Staat“. In: KRÜNITZ, Johann Georg. Oeconomische Encyclopädie oder all­ge­mei­nes System der Staats‑, Stadt‑, Haus- u. Landwirthschaft. Bd. 162. Berlin 1835, S. 351–451. http://www.kruenitz1.uni-trier.de (Besucht am 24.05.2021).
      KOGGE, Werner. ‘Die Bedeutung des Begriffs ‘Staat’. Eine kri­te­rio­lo­gisch-begriffs­ge­schicht­li­che Synopse’. In: Zur Begriffsgeschichte des Begriffs ‘Staat’ und sei­ner Verwendung in der Altorientalistik – ein Begriffsbericht (gemein­sam mit Eva Cancik, Jörg Klinger, Aron Dornauer, Tomoki Kitazumi und Lisa Wilhelmi). Preprint Nr. 3 der DFG-Kollegforschungsgruppe 2615: “Zwischen Demokratie und Despotismus; Governance-Strategien und Partizipationsformen im Alten Orient”. https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/rod/Publikationen/Pre-Prints/index.html (2021)
      STEIN, Lorenz von. Geschichte der sozia­len Bewegungen in Frankreich von 1789 bis auf unsre Tage. Leipzig 1850. 
      VERWALTUNGSGERICHT KÖLN. 03.05.1978, Az. 9 K 2565/77. In: Deutsches Verwaltungsblatt (1978), S. 510 ff. 
      WEINACHT, Paul-Ludwig. Staat. Studien zur Bedeutungsgeschichte des Wortes von den Anfängen bis ins 19. Jh. Berlin 1968. 
      WEBER, Wolfgang. Prudentia gube­ma­to­ria: Studien zur Herrschaftslehre in der deut­schen poli­ti­schen Wissenschaft des 17. Jahrhunderts. Tübingen 1992. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. BOLDT, Hans, Werner Conze, Görg Haverkarte, Diethelm Klippel u. Reinhart Koselleck. „Staat und Souveränität“. In: Brunner, Otto, Conze, Werner und Koselleck, Reinhart (Hrsg.). Geschichtliche Grundbegriffe Band 6. Stuttgart 1990, 1–154.
    LexMA. Eintrag „Staat“. In: Lexikon des Mittelalters (Online), Bd. 7. München 1995, 2151–2158.
    HWdPh „Staat“. In: Ritter, Joachim (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10. Basel 1998, 39.450f.
    KOGGE, Werner. ‘Die Bedeutung des Begriffs ‘Staat’. Eine kri­te­rio­lo­gisch-begriffs­ge­schicht­li­che Synopse’. In: Zur Begriffsgeschichte des Begriffs ‘Staat’ und sei­ner Verwendung in der Altorientalistik – ein Begriffsbericht (gemein­sam mit Eva Cancik, Jörg Klinger, Aron Dornauer, Tomoki Kitazumi und Lisa Wilhelmi). Preprint Nr. 3 der DFG-Kollegforschungsgruppe 2615: “Zwischen Demokratie und Despotismus; Governance-Strategien und Partizipationsformen im Alten Orient”. https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/rod/Publikationen/Pre-Prints/index.html (2021)
  4. Weiterführende Links
  5. WIKTIONARY. „Staat“. In: Wiktionary, das freie Wörterbuch. https://de.wiktionary.org/w/index.php?title=Staat&oldid=8351464 (Besucht am 24.05.2021).

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Staat“, Version 1.0, 08.06.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

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Governance

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GOVERNANCE

Version 1.0 (18.05.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Das seit dem 13. Jahrhundert belegte governaunce/ gover­nance schreibt die gesamte Bandbreite des latei­ni­schen Verbs guber­nare und des grie­chi­schen Verbs κυβερνάω (kybernáo) fort. Von der Grundbedeutung des Lenkens, Steuerns und Führens eines Schiffs wur­den schon in der Antike poli­ti­sche (Regierungsführung), öko­no­mi­sche (Haushaltsführung) und mora­li­sche (Lebensführung) abge­lei­tet, ebenso konnte der Begriff in Kontexten der Medizin (Diät) zur Anwendung kom­men. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte









  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der eng­li­schen und fran­zö­si­schen Bildungssprache vom Spätmittelalter bis ins 20. Jahrhundert wird unter governaunce/governance Regierung im Sinne von Regierungsaus­übung ver­stan­den. Governaunce/ gover­nance bezeich­net dabei zum einen die Instanz, die de facto die Macht in Händen hält, zum ande­ren die Art und Weise der Ausübung, so dass von good und bad gover­nance die Rede sein kann. (DUNHAM/ WOOD, 744, 752; ROTULI, 464) Die Ausübung der Regierung ist in die­sem Diskurs stets mit der all­ge­mei­nen Vorstellung von Leiten und Steuern asso­zi­iert: der Begriff umfasst auch die christ­li­che Lebensführung, die Führung des Haushalts, die Führung von Schiffen und mili­tä­ri­schen Einheiten, die Selbstbeherrschung, die medi­zi­ni­sche Diät und mecha­ni­sche Steuerungen. [WK]

      Quellen:
      DUNHAM William Huse, Jr., WOOD Charles T.. The Right to Rule in England: Depositions and the Kingdom’s Authority, 1327–1485. The American Historical Review, Volume 81, Issue 4, October 1976, Pages 738–761, https://doi.org/10.1086/ahr/81.4.738
      DUPONT-FERRIER, Gustave. Le mot « Gouverner » et ses déri­vés dans les insti­tu­ti­ons fran­çai­ses du Moyen Âge. In: Journal des savants, Mars-avril 1938. pp. 49–60; https://doi.org/10.3406/jds.1938.2974
      EEBO. “gover­nance”. In: Early English Books, online. https://quod.lib.umich.edu/… (Besucht am 16. Mai 2021). 
      MED. “governaunce”. In: Middle English Dictionary, online. https://quod.lib.umich.edu/… (Besucht am 12. Mai 2021). 
      ROTULI PARLIAMENTORUM; UT Et Petitiones, Et Placita In Parliamento. 5: Ab Anno Decimo Octavo R. Henrici Sexti ad Finem eius­dem Regni. London 1769 ff. [1461]
    2. Im wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs der Institutionenökonomie bezieht sich Governance auf Strukturen, Institutionen und Organisationen, die ein­ge­rich­tet wer­den, um koor­di­niert und öko­no­misch erfolg­reich zu agie­ren. Hintergrund die­ser Verwendung ist die im Liberalismus geprägte Überzeugung, dass das Regulierungssystem in der Ökonomie allein das von Markt und Preis ist. In Absetzung von die­ser Doktrin führt Ronald Coase 1937 das Konzept der Firma als koor­di­nier­tes System ein (ohne den Begriff Governance zu ver­wen­den). (COASE) Dem System des Marktes wird die Organisation der Firma als ein zwei­tes Regulierungssystem an die Seite gestellt. Als Oliver Williamson seit den 1990er Jahren Coases Einsatz zu einer Theorie des Corporate Governance aus­baut, ent­steht ein Diskurs, der Governance gene­rell in Zusammenstellungen wie “insti­tu­ti­ons of gover­nance (mar­kets, hybris, hier­ar­chies, bure­aus)”, “gover­nance struc­tures” und “mecha­nisms of gover­nance” (WILLIAMSON, 5) ver­wen­det. Governance bedeu­tet hier: Regulierung durch ein System. [WK]

      Quellen:
      COASE, Ronald. “The Nature of the Firm”. In: Economica. 16.4 (1937), 386–405
      WILLIAMSON, Oliver E. The Mechanisms of Governance. New York 1996. 
    3. Im Diskurs der Politikwissenschaften wird Governance seit den 1990er Jahren in zwei unter­schied­li­chen Bedeutungen ver­wen­det: Zum einen bezeich­net hier Governance eine dem klas­si­schen Bild von staat­li­cher Machtausübung (government) ent­ge­gen­ge­setzte Form des Regierens. In die­sem Sinne wird Governance “zur Bezeichnung der Gesamtheit aller in einem Gemeinwesen bestehen­den und mit­ein­an­der ver­schränk­ten Formen der kol­lek­ti­ven Regelung gesell­schaft­li­cher Sachverhalte benutzt” (MAYNTZ 2010, 38). Der poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Diskurs ver­wen­det Governance aber zugleich auch unspe­zi­fisch “als Oberbegriff aller Formen sozia­ler Handlungskoordination”: “Governance umfasst die Gesamtheit der zahl­rei­chen Wege, auf denen Individuen sowie öffent­li­che und pri­vate Institutionen ihre gemein­sa­men Angelegenheiten regeln. […] Der Begriff umfasst sowohl for­melle Institutionen und mit Durchsetzungsmacht ver­se­hene Herrschaftssysteme als auch infor­melle Regelungen” (BENZ 2010, 17). Die Parallelität von Oberbegriff und auf spe­zi­elle Regulierungsweisen rekur­rie­ren­dem Begriff führt inner­halb der poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Diskurse zu eini­gen Schwierigkeiten in der Begriffsverständigung. (BENZ 2010 u. SCHUPPERT 2007) [WK]

      Quellen:
      BENZ, Arthur. „Einleitung“. In ders. u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010, 12–28.
      SCHUPPERT, Gunnar Folke. „Was ist und wozu Governance?“ In: Die Verwaltung. Zeitschrift für Verwaltung und Verwaltungswissenschaften. 40. Band (2007), 463–511.
      MAYNTZ, Renate: „Governance im moder­nen Staat“. In: Arthur Benz u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004.), 37–48.
  2. Literatur zum Begriff
  3. Arthur BENZ u. Nicolai DOSE (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004). 
    BEVIR, Mark (Hrsgg.). The SAGE Handbook of Governance. London 2011. 
    MAYNTZ, Renate: „Governance im moder­nen Staat“. In: Arthur Benz u. Nicolai Dose (Hrsgg.). Governance – Regieren in kom­ple­xen Regelsystemen. Eine Einführung. Wiesbaden 2010 (1. Aufl. 2004.), 37–48.
    SCHUPPERT, Gunnar Folke. Einleitung. In: ders. u. Michael Zürn (Hrsgg.). Governance in einer sich wan­del­den Welt. Wiesbaden 2008, 13–42.
  4. Weiterführende Links
  5. WERDER, Axel von. „Cooporate Governance“. In: Gabler Wirtschaftslexikon. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/corporate-governance-28617/version-367554 (Besucht am 17. Mai 2021). 
    WIKIPEDIA Autor:innen. “Governance”. In: Wikipedia, The Free Encyclopedia, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Governance&oldid=1011927890 (Besucht am 17. Mai 2021). [Anmerkung WK: In den bei­den im Wikipedia-Artikel (engl.) als ein­schlä­gig ange­führ­ten Werken je mit dem Titel The gover­nance of England (Plummer 1885 und Low 1914) fin­det, im Widerspruch zu der im Artikel ange­deu­te­ten Relevanz die­ser Quellen, der Begriff kaum Verwendung jen­seits des Titels. ] 
    KREMS, Burkhardt. „gover­nance“. Version 1.21 (16.05.2021). In: Online-Verwaltungslexikon. https://olev.de/g/governance.htm

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Governance“, Version 1.0, 18.05.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30646

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Regelungsregime

ORGANON ter­mi­no­logy tool­box (von gr. ὄργανον: Werkzeug) ist ein Instrument zur Orientierung in der Landschaft inter­dis­zi­pli­när rele­van­ter Begriffe und Theorien. Mit weni­gen Blicken fin­den Sie hier einen Überblick über rele­vante Diskurse, Grundlagentexte und wei­ter­füh­rende Links.

REGELUNGSREGIME

auch: Regelregime, Regelungssystem, Steuerungsregime, Regelungsstruktur, Governance-Regime, regu­la­tory regime, sys­tème régle­men­taire, régime réglementaire

Version 1.0 (12.05.2021)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Die bei­den Glieder des Kompositums ‘Regelungsregime’ kom­bi­nie­ren zwei Ausdrücke aus dem Feld des Lenkens, Leitens, Steuerns und Führens. ‘Regel’ und ‘Regime’ stam­men beide vom latei­ni­schen Verb regere ‘gera­de­rich­ten, len­ken, lei­ten’; fran­zö­sisch régime ist ver­mit­telt über das latei­ni­sche regi­men: Herrschaftsform (übers. v. gr. arché, z.B. bei Thomas von Aquin) (AQUIN, 64). Entsprechend der dort bereits ange­leg­ten Bedeutungsbreite konnte das fran­zö­si­sche Nomen schon im 15. und 16. Jahrhundert die Form der Regierungsführung, die Administration von Institutionen (z.B. Klöster), die Lebensführung und die medi­zi­ni­sche Diät bezeich­nen, seit dem 18. Jahrhundert auch tech­ni­sche Prozesse in ihrer Funktionsweise. (DdMF) Die Verdopplung im Kompositum bringt das Bewusstsein zum Ausdruck, dass zur Regelung eines Sachbereichs eine Mehrzahl von Regeln auf­ein­an­der abge­stimmt und zu einer ‘Ordnung’, einem ‘System’ oder ‘Regime’ ver­knüpft wer­den müs­sen. Regelregime, regu­la­tory regime und régime régle­men­taire sind heute stan­dard­mä­ßig Übersetzungen von­ein­an­der. [WK]

Quellen:
AQUIN, Thomas von. Kommentar zur Politik des Aristoteles. Sententia libri Politicorum, 1 Freiburg 2015. 
Dictionnaire du Moyen Français (1330–1500). http://www.atilf.fr/dmf/definition/régime (zuletzt besucht am 07.05.2021)

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte

















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurde régime régle­men­taire im Diskurs der fran­zö­si­schen Physiokraten ver­wen­det. Gemäß die­ser Lehre sollte sich die Wirtschaft einer natür­li­chen Ordnung gemäß, frei von staat­li­chen Reglements ent­fal­ten kön­nen. (ONCKEN, 172 ff.) Régime régle­men­taire bezeich­nete in die­sem Kontext das ältere, mer­kan­ti­lis­ti­sche System der Regulierung der Wirtschaft durch Privilegien, Monopole und staat­li­che Steuerung (z.B. LE TROSNE). [WK]

      Quellen:
      ONCKEN, August. Geschichte der Nationalökonomie. Hand und Lehrbuch der Staatswis-sen­schaf­ten in selb­stän­di­gen Bänden. 1. Band. Leipzig 1902. 
      LE TROSNE, Guillaume-François. De l’ordre social, ouvrage suivi d’un traité élé­men­taire sur la val­eur, l’ar­gent, la cir­cu­la­tion, l’in­dus­trie & le com­merce inté­ri­eure & exté­ri­eur. Paris 1777. 
    2. Der Ausdruck regle­men­tary regime wird im neo-insti­tu­tio­na­lis­ti­schen Diskurs zu inter­na­tio­na­ler Politik für das Zusammenspiel von Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahren in der inter­na­tio­na­len Staatenkooperation ver­wen­det. So wurde Regime dort defi­niert als: “a set of mutual expec­ta­ti­ons, rules and regu­la­ti­ons, plans, orga­niz­a­tio­nal ener­gies and finan­cial com­mit­ments, which have been accep­ted by a group of sta­tes” (RUGGIE zitiert nach KEOHANE, 57). Damit reflek­tiert er wis­sen­schaft­lich die bereits ab den 1940er Jahren spo­ra­di­sche Verwendung des Begriffs im Kontext inter­na­tio­na­ler Koordination von Luftfahrt, Marine, Fischerei, Telekommunikation und Nukleartechnologie. Die dar­auf auf­bau­ende Regimetheorie beschäf­tigt sich mit der Theorie und Empirie insti­tu­tio­na­li­sier­ter inter­na­tio­na­ler Vereinbarungen wie das Menschenrechtsregime der UN, das Welthandelsregime (GATT) und das Kyôto-Protokoll. [WK]

      Quellen:
      KEOHANE, Robert O. After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton 1984. 
    3. Die häu­figste Verwendung des Begriffs Regelungsregime fin­det sich in ver­wal­tungs­tech­ni­schen Kontexten (Diskurs von Verwaltungswissenschaften und Verwaltungsrecht) der prak­ti­schen Ausgestaltung pro­ze­du­ra­ler Regelung von Sachbereichen. In Kontinuität zu Semantiken wie Regelungslücke, Regelungsbedarf, Regelungsbereich, Rahmenregelung und Regelungsvariante wird der Begriff des Regelungsregimes juris­tisch und ver­wal­tungs­tech­nisch so ein­ge­setzt, dass er eine Option der Organisation von regu­lie­ren­den Elementen, seien sie recht­li­cher, struk­tu­rel­ler oder insti­tu­tio­nel­ler Art, bezeich­net (EBERHARD, 179). Der Begriff Regelungsregime steht hier in Verwandtschaft mit dem tech­ni­schen Gebrauch von ‘Regelungsregime’, in dem es um unter­schied­li­che Steuerungsmodi von Geräten und Anlagen z.B. durch elek­tro­ni­sche Verfahren geht (ELEKTRIE, 657). Den dis­kur­si­ven Rahmen bil­det das über­grei­fende Paradigma kyber­ne­ti­schen Denkens, das seit den 1950er Jahren in vie­len Diskursen prä­gend wirkte. [WK]

      Quellen:
      ELEKTRIE. Zeitschrift des Fachverbands Elektrotechnik. Band. 33. Berlin 1919 
      EBERHARD, Harald. Der ver­wal­tungs­recht­li­che Vertrag. Ein Beitrag zur Handlungsformenlehre. Wien 2005. 
    4. Im poli­tik- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs der Governance-Forschung ist meist ent­we­der von Regelungsstruktur oder kurz nur von Regime die Rede. Im Sinne des Governance-Ansatzes, bei dem ein koor­di­na­ti­ves Regulierungsmodell an die Stelle einer hier­ar­chisch gedach­ten Steuerungslogik tritt, bezeich­net Regelungstruktur den “institutionelle[n] Rahmen, der das Handeln der Akteure lenkt. […] Wenn man […] unter Governance ‘a sys­tem of rule’ ver­steht, dann steht jetzt nicht mehr das Machen, das […] Steuerungshandeln im Zentrum des Interesses, son­dern die mehr oder we-niger frag­men­tierte oder inte­grierte, nach unter­schied­li­chen Prinzipien gestal­tete Regelungsstruktur.” (MAYNTZ) In die­sem Sinne wird inzwi­schen auch ver­mehrt von Governance-Regimen gespro­chen. So zum Beispiel: “Der Fokus liegt auf Mechanismen der Handlungskoordinierung, die in den Governance-Modi ihren Ausdruck fin­den, die ihrer­seits zu auf­ga­ben­be­zoge-nen Governance-Regimen ver­knüpft wer­den.” (SCHUPPERT, 34) [WK]

      Quellen:
      MAYNTZ, Renate. Governance Theory als fort­ent­wi­ckelte Steuerungstheorie?, MPIfG working paper, No. 04/1. Köln 2004. http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp04‑1/wp04‑1.html (zuletzt besucht am 07. 05.2021)
      SCHUPPERT, Gunnar Folke. Governance – auf der Suche nach Konturen eines „aner­kannt unein­deu­ti­gen Begriffs“. In: ders. u. Michael Zürn (Hrsg.). Governance in einer sich wan­deln­den Welt. Wiesbaden 2008. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. KEOHANE, Robert O. After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton 1984. 
    SCHUPPERT, Gunnar Folke u. Michael Zürn (Hrsgg). Governance in einer sich wan­deln-den Welt. Wiesbaden 2008. 
  4. Weiterführende Links
  5. MAYNTZ, Renate. Governance Theory als fort­ent­wi­ckelte Steuerungstheorie?, MPIfG working paper, No. 04/1. Köln 2004. http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp04‑1/wp04‑1.html (zuletzt besucht am 07. 05.2021)

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Regelungsregime“, Version 1.0, 12.05.2021, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30644

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Versionsgeschichte
  • Version 1.0 (diese Version) 

Schrift

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SCHRIFT

Version 2.0 (17.02.2020; erhal­ten am: 15.11.2016)

Autor: Werner Kogge

Zum Wort
Dem deut­schen Wort Schrift, von latei­nisch scri­bere, ent­spricht im Englischen die nomi­na­li­sierte Verbform wri­ting, wäh­rend das Substantiv script im Englischen in ers­ter Linie auf Schrifterzeugnisse abzielt. Ursprünge sowohl des eng­li­schen als auch des latei­ni­schen und grie­chi­schen (graphein) Verbs lie­gen in Vorgängen des Einritzens und Einzeichnens. [WK]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte



















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Im pho­no­gra­phi­schen Paradigma des sprach­wis­sen­schaft­li­chen Diskurses gilt Schrift als Notation von gespro­che­ner Sprache. Gemäß die­ser Auffassung wird Schrift, ers­tens, aus­schließ­lich auf Sprache im enge­ren Sinn bezo­gen und, zwei­tens, ihr als deren media­ler Verkörperung nach­ge­ord­net. Bereits Ferdinand DE SAUSSURE (1916) hatte pos­tu­liert: „Sprache und Schrift sind zwei ver­schie­dene Systeme von Zeichen; das letz­tere besteht nur zu dem Zweck, um das ers­tere dar­zu­stel­len.“ (28) Entsprechend heißt es im Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use: Schrift ist „die Menge der gra­phi­schen Zeichen, mit denen die gespro­chene Sprache fest­ge­hal­ten wird.“ (VIII) Und im Lexikon der Sprachwissenschaft lau­tet die Definition: „Schrift. Auf kon­ven­tio­na­li­sier­tem System von gra­phi­schen Zeichen basie­ren­des Mittel zur Aufzeichnung münd­li­cher Sprache“ (608). [WK]

      Quellen:
      DE SAUSSURE, Ferdinand. Grundfragen der all­ge­mei­nen Sprachwissenschaft. Berlin 1967 (franz. zuerst 1916). 
      GÜNTHER, Hartmut, und LUDWIG, Otto, (Hrsgg.). Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. Berlin/New York 1994. 
      BUßMANN, Hadumod. „Schrift“. In: DERS. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 2008. 
      HAARMANN, Harald. Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt u. a. 1991. 
      Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 59 (1985), Themenheft ‚Schriftlichkeit’. Hrsg. v. Wolfgang KLEIN. 
    2. Ausgangspunkt eines medi­en­theo­re­ti­schen Diskurses in der zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die (seit­dem umstrit­tene) These von der Sonderstellung der Alphabetschrift. Die Toronto-Schule, die zu Beginn der 1960er Jahre maß­geb­lich zur Entstehung der moder­nen Medienwissenschaften bei­getra­gen hat und zu der Autoren wie Harold A. INNIS, Eric A. HAVELOCK, Jack GOODY, Marshall MCLUHAN, Walter J. ONG und Ian WATT gerech­net wer­den, ver­half einer Sichtweise zur Geltung, die die Struktur der grie­chi­schen Alphabetschrift mit der Entwicklung der abend­län­di­schen Rationalität in engen Zusammenhang rückte. Nur die Alphabetschrift mit ihrer ein­zig­ar­ti­gen Zergliederung der gespro­che­nen Sprache in Konsonanten und Vokale, also in ato­mare Einheiten, die unter­halb der Ebene der Artikulationseinheiten der gespro­che­nen Sprache liegt, erzeugt, so die These, ein äußerst fle­xi­bel hand­hab­ba­res, tech­ni­sches Medium, das Distanznahme, Reflexion und ein indi­vi­du­el­les Gedächtnis erst ermög­licht. Diese These wurde bereits von Jack GOODY rela­ti­viert und in jün­ge­rer Zeit als ver­kürzt und eth­no­zen­trisch kri­ti­siert (GROSSWILER 2004). [WK]

      Quellen:
      ASSMANN, Aleida, und ASSMANN, Jan. „Schrift – Kognition – Evolution. Eric A. Havelock und die Technologie kul­tu­rel­ler Kommunikation.“ In: HAVELOCK, Eric A., (Hrsg.). Schriftlichkeit. Das grie­chi­sche Alphabet als kul­tu­relle Revolution. Weinheim 1990, 1–35.
      GROSSWILER, Paul. „Dispelling the Alphabet Effect.” In: Canadian Journal of Communication and Journalism 29 (2004), 145–158.
    3. In einem durch Jacques DERRIDAS Grammatologie gepräg­ten Diskurs zu Schrift als dif­fe­ren­ti­elle und digi­tale Form wird Schrift – teils fun­da­men­tal, teils zeit­dia­gnos­tisch – als Form von Medialität betrach­tet. DERRIDA ver­knüpfte mit dem Begriff Schrift das Konzept einer ‘Urschrift’, die als dif­fe­ren­zi­el­les Geschehen Denken, Geschichte, Identität erst her­vor­bringt. Er eröff­nete damit einen meta­phy­sik­kri­ti­schen Diskurs, der Substanz und Präsenz durch den Rekurs auf Prozessualität und Differentialität zu unter­lau­fen suchte. Schrift wird hier mit der Bewegung eines, sich selbst ent­zie­hen­den, kon­sti­tu­ie­ren­den Spiels oder gene­ra­ti­ven Mechanismus gleich­ge­setzt: „Schreiben heißt, ein Zeichen (mar­que) pro­du­zie­ren, das eine Art ihrer­seits nun pro­du­zie­rende Maschine kon­sti­tu­iert, die durch mein zukünf­ti­ges Verschwinden prin­zi­pi­ell nicht daran gehin­dert wird, zu funk­tio­nie­ren und sich lesen und nach­schrei­ben zu las­sen.” (134) Mit Blick auf die ato­mare Grundstruktur von Schriften (als Struktur aus ein­deu­tig bestimm­ten und ein­deu­tig zu unter­schei­den­den Elementen (FISCHER 1997 ) wurde ‚Schrift’ zum Label für digi­tale Struktur über­haupt. Theoretiker der neuen Medien konn­ten daher Schriftlichkeit mit dem Operieren (digi­ta­ler) Maschinen iden­ti­fi­zie­ren. So for­dert etwa Vilém FLUSSER, „das Schreiben, die­ses Ordnen von Zeichen, Maschinen [zu] über­las­sen“ (10) und Friedrich KITTLER dia­gnos­ti­ziert: „Heute … läuft mensch­li­ches Schreiben durch Inschriften, die nicht nur mit­tels Elektonenlithographie in Silizium ein­ge­brannt, son­dern im Unterschied zu allen Schreibwerkzeugen der Geschichte auch imstande sind, sel­ber zu lesen und zu schrei­ben.“ Daher sei „mit der Miniaturisierung aller Zeichen auf mole­ku­lare Maße […] der Schreibakt selbst ver­schwun­den“ (226). [WK]

      Quellen:
      DERRIDA, Jacques. Die Schrift und die Differenz. Frankfurt a. M. 1972 (1966).
      DERRIDA, Jacques. Grammatologie. Frankfurt a. M. 1983 (1967).
      DERRIDA, Jacques. „Signatur. Ereignis. Kontext.“ In: DERS. Randgänge der Philosophie. Frankfurt a. M. u. a. 1976, 124–155.
      FISCHER, Martin. „Schrift als Notation.“ In: KOCH, Peter, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift, Medien, Kognition. Über die Exteriorität des Geistes. Tübingen 1997, 83–101.
      FLUSSER, Vilém. Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt a. M. 1992. 
      KITTLER, Friedrich. „Es gibt keine Software.“ In: DERS. Draculas Vermächtnis. Technische Schriften. Leipzig 1993, 225–242.
    4. Aus der Perspektive der sym­bol­theo­re­ti­schen Schriftbildlichkeitsforschung wird die land­läu­fige Beschränkung von Schriften auf die Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen als irre­füh­rend betrach­tet: Die Verwendung von Schriften in Mathematik und Buchhaltung (schrift­li­ches Rechnen; Bestandslisten), Musik (Notenschriften), Naturwissenschaften (Formelschreibweisen) und Informatik (Programmierung) sowie die Transformation und Analyse von Sprachen in der Verschriftlichung zeigt, dass das Medium Schrift in Beziehung zu unter­schied­li­chen Sachbereichen ste­hen kann – gespro­chene Sprachen sind nur ein Anwendungsfeld von Schriften. Untersuchungen zu Kriterien, die eine Unterscheidung von Schriften von ver­wand­ten Phänomenen ermög­li­chen, zie­hen bild­li­che, ope­ra­tive und seman­ti­sche Aspekte von Schriften in Betracht (KOGGE/GRUBE 2005). [WK]

      Quellen:
      KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Der Begriff der Schrift und die Frage nach der Forschung in der Philosophie.“ In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1 (2007), 81–96.
      KRÄMER, Sybille. „‚Schriftbildlichkeit’ oder: Über eine (fast) ver­ges­sene Dimension der Schrift.“ In: KRÄMER, Sybille, und BREDEKAMP, Horst, (Hrsgg.). Bild — Schrift — Zahl. München 2003. 
    5. Im Diskurs um Entstehung und frühe Erscheinungsformen von Schrift in den Altertumswissenschaften spielt die Unabhängigkeit von Schriften gegen­über gespro­che­nen Sprachen und ihr Verhältnis zu Bildern und Rechenoperationen eine ent­schei­dende Rolle. Denn die ältes­ten bekann­ten Schriften dien­ten kei­nes­wegs zur Aufzeichnung von Sprachen, son­dern der Buchhaltung in admi­nis­tra­ti­ven Kontexten (gemäß Stand der Forschung tre­ten die ältes­ten Schriften im süd­li­chen Mesopotamien am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. als Kombination von Zahlzeichen und Benennungen auf; die in die­sen Dokumenten ver­wen­de­ten Namen wur­den auch in lexi­ka­li­schen Listen ver­zeich­net). Sie ste­hen damit in Kontinuität zu vor­gän­gi­gen Zähl- und Aufzeichnungssystemen. Die Adaption von Schriften zur Aufzeichnung gespro­che­ner Sprachen bil­det ein Thema der Untersuchung viel­ge­stal­ti­ger Transformationsprozesse, ebenso die Vorgänge der Ausbreitung, Übernahme und Anpassung an wei­tere Verwendungssysteme. [WK]

      Quellen:
      NISSEN, Hans-Jörg, DAMEROW, Peter, und ENGLUND, Robert K. Frühe Schrift und Techniken der Wirtschaftsverwaltung im alten Vorderen Orient. Berlin 1990. 
      CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva. „Phänomene von Schriftbildlichkeit in der keil­schrift­li­chen Schreibkultur Mesopotamiens.“ In: KRÄMER, Sybille, CANCIK-KIRSCHBAUM, Eva, und TOTZKE, Rainer, (Hrsgg.). Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Berlin 2012, 101–122.
  2. Literatur zum Begriff
  3. KOGGE, Werner, und GRUBE, Gernot. „Zur Einleitung: Was ist Schrift?“ In: GRUBE, Gernot, KOGGE, Werner, und KRÄMER, Sybille, (Hrsgg.). Schrift. Kulturtechnik zwi­schen Auge, Hand und Maschine. München 2005, 9–21.
  4. Weiterführende Links
  5. Ein Überblick zum ein­schlä­gi­gen Handbuch Schrift und Schriftlichkeit. Writing and Its Use. Ein inter­dis­zi­pli­nä­res Handbuch inter­na­tio­na­ler Forschung. An Interdisciplinary Handbook of International Research, her­aus­ge­ge­ben von Hartmut Günther und Otto Ludwig, Berlin/New York 1994–1996, fin­det sich hier.

PDF Zitiervorschlag: Werner Kogge, „Schrift“, Version 2.0, 17.02.2020, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30373

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Politik

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POLITIK

Version 1.0 (15.11.2019; erhal­ten am: 25.06.2019)

Autor: Mark Brown

Zum Wort
Das Wort Politik kommt vom grie­chi­schen Πολιτικά, poli­tiká, „die Angelegenheiten der Polis.“ In den meis­ten euro­päi­schen Sprachen wurde das Wort vor dem 19. Jahrhundert nicht als eine bestimmte Form mensch­li­cher Aktivität, son­dern als eine wis­sen­schaft­li­che Disziplin, jetzt Politikwissenschaft genannt, ver­stan­den. Während des 18. Jahrhunderts, mit der funk­tio­na­len Differenzierung der Gesellschaft, wurde das Wort Politik zuneh­mend mit einer bestimm­ten Sphäre ver­bun­den, meis­tens gleich­ge­setzt mit dem Staat oder dem Gemeinwesen. Etwas spä­ter hat das Wort eine dritte Bedeutung bekom­men, näm­lich die einer insti­tu­tio­nell unge­bun­de­nen Aktivität mit spe­zi­fi­schen Praktiken und Normen (PALONEN 2006; WARREN 1999). In Hinsicht auf ihre Haltung zu Politisierung las­sen sich die Begriffsparadigmen ver­schie­de­ner Diskurse am deut­lichs­ten auf­zei­gen. [MB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte














  2. Literatur zum Begriff

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der klas­si­schen oder repu­bli­ka­ni­schen Auffassung wird Politik als das gemein­wohl-ori­en­tierte Zusammenleben einer Gemeinschaft ver­stan­den (ARISTOTELES, Politik). In den Theorien von ARISTOTELES, ROUSSEAU und man­chen heu­ti­gen Verfechtern einer kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen oder repu­bli­ka­ni­schen Politik wird Politik mit Tugenden wie Vernunft, Gemeinschaftssinn und Kompromissbereitschaft ver­bun­den. Die Freiheit des Menschen wird in der Politik rea­li­siert (ARENDT 1981 (1958)). Aus die­ser Sicht ist die Politisierung von bis­her als nicht-poli­tisch ver­stan­de­nen Institutionen im Zweifel zu befür­wor­ten, weil Politik mit wün­schens­wer­ten Eigenschaften und Zielen asso­zi­iert wird. [MB]

      Quellen:
      ARISTOTELES. Politik.
      ARENDT, Hannah. Vita activa oder Vom täti­gen Leben (1958). München 1981. 
    2. In der poli­ti­schen Theorie des Liberalismus von HOBBES und LOCKE bis heute wird Politik als ein gesetz­lich gere­gel­tes Verfahren auf­ge­fasst, in dem Interessenskonflikte einer plu­ra­lis­ti­schen Gesellschaft aus­ge­han­delt wer­den (DAHL 1991). Politik wird nicht als Ort der per­sön­li­chen oder gesell­schaft­li­chen Verwirklichung ver­stan­den, son­dern als instru­men­tel­les Mittel, all­ge­mein­ver­bind­li­che Entscheidungen zu tref­fen. Aus die­ser Sicht ist die Politik vor allem dem Schutz von indi­vi­du­el­len Rechten und Interessen ver­pflich­tet. Für ein libe­ra­les Politikverständnis wird Politisierung meis­tens als Bedrohung emp­fun­den, da sie neue Interessenskonflikte pro­du­ziert, die gesell­schaft­li­che Arbeitsteilung unter­mi­niert und den öffent­li­chen Frieden gefähr­det. [MB]

      Quellen:
      DAHL, Robert A. Modern Political Analysis. 5. Ed. Englewood Cliffs, NJ 1991. 
    3. Für die Tradition des poli­ti­schen Realismus ist die Politik ein Machtkampf. Moralische Richtlinien und opti­mis­ti­sche Einschätzungen der mensch­li­chen Natur sind hier fehl am Platz. Für Denker wie MACHIAVELLI (Der Fürst), Carl SCHMITT (1963 (1932)) und Max WEBER (2009 (1919)) geht es in der Politik um Staatsräson, das Erlangen und den Erhalt von staat­li­cher Macht. Aus die­ser Perspektive ist sowohl die repu­bli­ka­ni­sche Hoffnung auf gemein­schaft­li­chen Konsens als auch die libe­rale Wertschätzung von unbe­streit­ba­ren uni­ver­sel­len Rechten glei­cher­ma­ßen naiv und gefähr­lich. Manche Aspekte die­ser Politikauffassung fin­den sich auch in soge­nann­ten „agnos­ti­schen“ Ansätzen der heu­ti­gen poli­ti­schen Theorie, etwa bei Chantal MOUFFE (2007) und ande­ren Verfechtern einer robus­ten, kon­flikt­freund­li­chen Politik. Für Denker die­ser Gesinnung dient die Politisierung der Aufdeckung und Thematisierung von laten­ten Konflikten, die sonst durch ver­meint­li­chen Konsens unter­drückt wür­den. [MB]

      Quellen:
      MACHIAVELLI, Niccolò. Der Fürst.
      MOUFFE, Chantal. Über das Politische. Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illusion. Frankfurt/Main 2007.
      SCHMITT, Carl. Der Begriff des Politischen (1932). Berlin 1963.
      WEBER, Max. Politik als Beruf (1919). Stuttgart 2009.
    4. Im Vergleich zu repu­bli­ka­ni­schen und libe­ra­len Theorien, die ihr Verständnis von Politik an vor­po­li­ti­schen Werten und Zielen ori­en­tie­ren (das Gemeinwohl einer­seits, indi­vi­du­elle Rechte ander­seits), hat die Politik für prag­ma­ti­sche, deli­be­ra­tive und kon­struk­ti­vis­ti­sche Ansätze die Aufgabe, Grundsätze einer poli­ti­schen Gemeinschaft immer wie­der neu zu legi­ti­mie­ren oder gege­be­nen­falls in Frage zu stel­len (DEWEY 1927 (1954); HABERMAS 1992). Nicht nur poli­ti­sche Entscheidungen, son­dern auch die Maßstäbe, an denen sie gemes­sen wer­den, müs­sen durch poli­ti­sche Prozesse ver­schie­de­ner Art kon­stru­iert wer­den. Im Vergleich zu rea­lis­ti­schen Ansätzen sieht die prag­ma­ti­sche Tradition mehr Möglichkeiten für eine demo­kra­tisch-legi­time Verwendung von poli­ti­scher Macht. Aus die­ser Sicht ist eine Politisierung von bestimm­ten Sachverhalten immer inso­fern gerecht­fer­tigt, als die Politik ein effek­ti­ves Mittel für kol­lek­tive Problemlösung bie­tet. [MB]

      Quellen:
      DEWEY, John. The Public and Its Problems (1927). Athens, OH 1954.
      HABERMAS, Jürgen. Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demo­kra­ti­schen Rechtsstaats. Frankfurt/Main 1992. 
    5. Angesichts der andau­ern­den Kontroversen über unter­schied­li­che Politikvorstellungen ist ein Diskurs um „post­fun­da­men­ta­lis­ti­sche“ (eng­lisch: post­foun­da­tio­nal) Politikbegriffe ent­stan­den, der diese Kontroverse selbst zum Gegenstand ihrer Forschung macht (BEDORF und RÖTTGERS 2010; MARCHART 2010). Diese Forschungen ver­su­chen der Ambiguität des Begriffs Politik gerecht zu wer­den, u. a. indem sie zwi­schen der all­täg­li­chen poli­ti­schen Praxis, Politik genannt, und ihren ver­meint­li­chen Grundlagen, dem Politischen, unter­schei­den. Mit die­ser Unterscheidung, die bei unter­schied­li­chen Autoren sehr unter­schied­lich ver­stan­den wird, las­sen sich die gesell­schaft­li­chen Auseinandersetzungen the­ma­ti­sie­ren, durch die man­che Praktiken und Institutionen als poli­tisch defi­niert wer­den. In die­sem Zusammenhang wird auch die Frage unter­sucht, ob öko­no­mi­sche und büro­kra­ti­sche Zwänge eine echte Politik zuneh­mend unmög­lich machen, und ob heu­tige Gesellschaften sich in einer Ära der „Post-Politik“ befin­den (ARENDT 1981 (1958); MOUFFE 2007). [MB]

      Quellen:
      ARENDT, Hannah. Vita activa oder Vom täti­gen Leben (1958). München 1981. 
      BEDORF, Thomas, und RÖTTGERS, Kurt. Das Politische und die Politik. Frankfurt/Main 2010. 
      MARCHART, Oliver. Die poli­ti­sche Differenz. Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin 2010. 
      MOUFFE, Chantal. Über das Politische. Wider die kos­mo­po­li­ti­sche Illusion. Frankfurt/Main 2007. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. CELIKATES, Robin, und GOSEPATH, Stefan. „Was ist Politik?“ In: Grundkurs Philosophie, Band 6: Politische Philosophie. Stuttgart 2013, 14–23.
    LEFTWICH, Adrien, (Hrsg.). What is Politics? Cambridge 2004.
    MEYER, Thomas. Was ist Politik? 2., über­ar­bei­tete und erwei­terte Auflage. Opladen 2003.
    PALONEN, Kari. The Struggle with Time: A Conceptual History of ‘Politics’ as an Activity. Hamburg 2006.
    WARREN, Mark E. “What is Political?” In: Journal of Theoretical Politics 11.2 (1999), 207–231.

PDF Zitiervorschlag: Mark Brown, „Politik“, Version 1.0, 15.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30378

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Versionsgeschichte
  • Version 1.0 (diese Version) 

Intention / Intentionalität

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INTENTION / INTENTIONALITÄT

Version 1.0 (11.11.2019; erhal­ten am: 11.11.2019)

Autor*inn*en: Ulla Jaekel, Patricia Kanngießer, Reinhard Bernbeck, Arkadiusz Chrudzimski

Zum Wort
Intention, im 16. Jh. dem latei­ni­schen inten­tio/-ōnis ent­lehnt, meint eine absicht­li­che Handlung bzw. einen Vorsatz, ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen, und folgt hier­mit dem latei­ni­schen Begriff inten­dere in sei­ner Bedeutung als einem sich „hin­wen­den, sein Streben auf etwas rich­ten“ (KLUGE 2001). Der Begriff Intentionalität im Sinne von Absichtlichkeit fin­det sich schon Ende des 18. Jahrhunderts, etwa bei Immanuel KANT, zu einem theo­re­ti­schen Grundbegriff wurde er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Phänomenologie Edmund HUSSERLS. [UJ]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte







  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Der Begriff Intentionalität wird im phi­lo­so­phi­schen Diskurs als eine Fähigkeit des Menschen ver­stan­den, sich auf etwas zu bezie­hen – seien es reale oder nicht reale Gegenstände, Ideen, Sachverhalte oder Eigenschaften. Aufbauend auf anti­ken Theorien wurde der Begriff vor allem durch Franz BRENTANO und den Phänomenologen Edmund HUSSERL geprägt.

      Die inten­tio­nale Beziehung unter­schei­det sich von den typi­schen Relationen, wie z. B. grö­ßer als … sein oder neben … sit­zen. Zum einen kön­nen wir uns auf etwas inten­tio­nal bezie­hen auch dann, wenn die­ses etwas nicht exis­tiert (z. B. an den hei­li­gen Nikolaus den­ken). Zum ande­ren ist das Bestehen der inten­tio­na­len Beziehung davon abhän­gig, wie das Referenzobjekt beschrie­ben wird. (Von der Behauptung, dass Hans an den Abendstern denkt, kann man nicht ohne wei­te­res dar­auf schlie­ßen, dass er auch an den Morgenstern denkt.) Die genann­ten Anomalien wer­den oft als „exis­ten­tiale Indifferenz“ und „Aspektualität“ der inten­tio­na­len Beziehung bezeich­net.

      Abhilfe sucht man, indem man neben dem Subjekt und dem Referenzgegenstand noch ein drit­tes Glied ein­führt, das in der Geschichte der Philosophie unter dem Namen „Idee“, „Repräsentation“, „imma­nen­tes Objekt“ oder „Noema“ behan­delt wird. Im Rahmen die­ser Auffassung kann man behaup­ten, dass es eine imma­nente Repräsentation (imma­nen­tes Objekt, Noema etc.) selbst dann gibt, wenn kein tran­szen­den­ter Referenzgegenstand oder unter­schied­li­che Bezugnahmen auf das­selbe Objekt gege­ben sind.

      Dieses Erklärungsschema wurde in der Geschichte der Philosophie oft ver­wen­det (SEARLE 1983). So ist nach Franz BRENTANO die inten­tio­nale Inexistenz eines Gegenstandes das Definitionsmerkmal des Mentalen (BRENTANO 2008 (1874)) und bei HUSSERL fin­den wir sogar noch eine wei­tere Unterscheidung zwi­schen Noema, dem inten­dier­ten Objekt, und Noesis, dem men­ta­len Akt (HUSSERL 1984 (1901)).

      In der Tradition der intro­spek­ti­ven Psychologie und Phänomenologie geht man davon aus, dass man den epis­te­mi­schen Zugang zu den Strukturen der inten­tio­na­len Beziehung durch eine gewisse imma­nente Blickwendung gewinnt. Franz BRENTANO spricht in die­sem Kontext von der inne­ren Wahrnehmung und bei HUSSERL fin­den wir die Lehre von der tran­szen­den­ta­len Reflexion. [UJ/AC]

      Quellen:
      BRENTANO, Franz. „Psychologie vom empi­ri­schen Standpunkte“ (1874). In: BRENTANO, Franz. Psychologie vom empi­ri­schen Standpunkte. Von der Klassifikation der psy­chi­schen Phänomene (Sämtliche ver­öf­fent­lichte Schriften, hrsg. von T. Binder, A. Chrudzimski, Bd. I). Frankfurt/Main 2008, 1–289.
      HUSSERL, Edmund. Logische Untersuchungen, Bd. II, Teil 1/2, Halle 1901 (Husserliana XIX/1 & XIX/2. Hg. U. Panzer). Den Haag 1984. 
      SEARLE, John R. Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind. Cambridge 1983. 
    2. Aus einer auf VYGOTSKY zurück­zu­füh­ren­den Perspektive der Entwicklungspsychologie haben TOMASELLO und Kollegen den Begriff der geteil­ten Intentionalität oder „Wir“-Intentionalität geprägt. Darunter wer­den Aktivitäten ver­stan­den, bei denen Menschen psy­cho­lo­gi­sche Zustände mit­ein­an­der tei­len, z. B. indem sie ein gemein­sa­mes Ziel ver­fol­gen, einen gemein­sa­men Handlungsplan umset­zen oder eine gemein­same Erfahrung mit­ein­an­der tei­len. Nach Stand aktu­el­ler Forschung zei­gen Menschen die Fähigkeit zur geteil­ten Intentionalität zwi­schen dem ers­ten und zwei­ten Lebensjahr; bei den nächs­ten bio­lo­gi­schen Verwandten des Menschen – den Menschenaffen – konnte diese Fähigkeit bis­her nicht gezeigt wer­den. Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass die Fähigkeit zur geteil­ten Intentionalität eine wich­tige Grundlage für mensch­li­che Kultur dar­stellt. [PK]

      Quellen:
      TOMASELLO, Michael, und CARPENTER, Malinda. „Shared inten­tio­na­lity“. In: Developmental Science 10.1 (2007), 121–125.
      TOMASELLO, Michael, CARPENTER, Malinda, CALL, Josep, BEHNE, Tanya, und MOLL, Henrike. „Understanding and sharing inten­ti­ons: The ori­gins of cul­tu­ral cogni­tion“. In: Behavioral and Brain Sciences 28.5 (2005), 675–691.
    3. In der Archäologie ist „Intentionalität“ im Sinne reflek­tier­ter Handlungsabsichten ein aus­ge­spro­chen rele­van­tes Thema, obwohl es kaum begriff­lich reflek­tiert wird. Intentionen erschei­nen dort, wo ziel­ge­rich­te­tes Handeln the­ma­ti­siert wird (Grabanlage, Hausbau), bis hin zu kom­ple­xen Rekonstruktionen nament­lich bekann­ter Individuen. Problematisch sind post hoc-Intentionalisierungen, die man in archäo­me­tri­schen Materialanalysen oft fin­det.

      Wo Intentionalität in der Archäologie theo­re­tisch dis­ku­tiert wird, geschieht dies meist ableh­nend, etwa in „agency“- und „prac­tice theory“-Debatten (DOBRES und ROBB 2000; DORNAN 2001). Dabei wird Praxis als ver­kör­per­licht oder als per Sozialisation inte­rio­ri­siert, als nicht wei­ter reflek­tiert und reflek­tier­bar hin­ge­stellt. Wenn über­haupt, erscheint Intentionalität als dem „prak­ti­schen Bewusstsein“ bei­seite gestell­tes „dis­kur­si­ves Bewusstsein“.

      Als vor­läu­fi­ger Ansatz einer begriff­li­chen Fassung kön­nen unter­schied­li­che Arten von Intentionen unter­schie­den wer­den (BERNBECK 2003a). Experimentell sind Intentionen dann, wenn das Ziel von Handlungen nur vage for­mu­liert wer­den kann und nach Methoden zur Umsetzung gesucht wird. Reguliert sind sie, wenn bekannte Regeln und Ziele in einer rou­ti­nier­ten Weise in Übereinstimmung gebracht wer­den. Situational ist Intentionalität, wenn ohne wei­tere Regelkenntnisse ein Verfahren etwa zur Herstellung von Objekten durch­ge­führt wird, womit man sehr nahe am übli­chen Praxis-Begriff der Archäologie ist. Schließlich gibt es obstruk­tive Intentionalität, die auf einer negie­ren­den Zielsetzung beruht (BERNBECK 2003a, BERNBECK 2003b). [RB]

      Quellen:
      BERNBECK, Reinhard. „Die Vorstellung der Welt als Wille. Zur Identifikation von inten­tio­nel­lem Handeln in archäo­lo­gi­schen Kontexten“. In: HEINZ, Marlies, EGGERT, Manfred K.H., und VEIT, Ulrich, (Hrsgg.). Zwischen Erklären und Verstehen? Beiträge zu den erkennt­nis­theo­re­ti­schen Grundlagen archäo­lo­gi­scher Interpretation. Münster 2003, 201–237. (2003a)
      BERNBECK, Reinhard. „The Ideologies of Intentionality“. In: Rundbrief der Arbeitsgemeinschaft Theorie in der Archäologie 2.2 (2003), 44–50. (2003b)
      DOBRES, Marica-Ann, und ROBB, John, (Hrsgg.). Agency in Archaeology. London 2000. 
      DORNAN, Jennifer L. „Agency and Archaeology: Past, Present, and Future Directions.“ In: Journal of Archaeological Method and Theory 9.4 (2002), 303–329.
  2. Literatur zum Begriff
  3. KLUGE, Friedrich. „Intention“. In: KLUGE, Friedrich, bearb. von SEEBOLD, Elmar. Etymologisches Wörterbuch der deut­schen Sprache. Berlin/New York 2001.
    CHRUDZIMSKI, Arkadiusz. Intentionalität, Zeitbewusstsein und Intersubjektivität. Studien zur Phänomenologie von Brentano bis Ingarden. Frankfurt/Main 2005.
    MAYER, Verena. Edmund Husserl. München 2009.
    JOYCE, Rosemary A. „Unintended Consequences? Monumentality as a Novel Experience in Formative Mesoamerica”. In: Journal of Archaeological Method and Theory 11.1 (2004), 5–29.
    PAUKETAT, Timothy. „Practice and History in Archaeology: An Emerging Paradigm”. In: Anthropological Theory 1.1 (2001), 73–98.
  4. Weiterführende Links
  5. Empfehlenswerter Wikipedia-Artikel zu Intentionalität (letz­ter Zugriff: 12. März 2019)

PDF Zitiervorschlag: Ulla Jaekel, Patricia Kanngießer, Reinhard Bernbeck, Arkadiusz Chrudzimski, „Intention/Intentionalität“, Version 1.0, 11.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/refubium-30379

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Invention

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INVENTION

Version 1.2 (10.10.2017; erhal­ten am: 25.04.2017)

Autor: Christian Barth

Zum Wort
Das lat. inve­nire (wörtl. zu etwas gelan­gen, zu etwas hin­kom­men) bezeich­net all­ge­mein das Finden von etwas, wobei das Finden sowohl die Form eines schöp­fe­ri­schen Erfindens als auch die eines Entdeckens anneh­men kann. In der Neuzeit schränkt sich die Bedeutung auf das schöp­fe­ri­sche Er-fin­den ein, das wie­derum vor allem auf tech­ni­sche Kontexte bezo­gen wird. [CB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte

















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Eine pro­mi­nente Rolle spielt der Terminus inve­nire in der anti­ken Rhetorik, in der die ars inve­ni­endi die Kunst der Gestaltung über­zeu­gen­der Rede ist. Sie betrifft vor allem das Finden von Argumenten, die eine erwar­tete Hörerschaft über­zeu­gen sol­len (CICERO, De Inventione). [CB]

      Quellen:
      CICERO. Über die Auffindung des Stoffes/De Inventione: Lateinisch – Deutsch. Hrsg. von Theodor Nüßlein. Düsseldorf/Zürich 1998. 
    2. Wie sich bei Francis BACON fest­stel­len lässt, ver­schiebt sich die Bedeutung des latei­ni­schen inven­tio in den neu­zeit­li­chen Diskursen über Kunst, Wissenschaft und Technik in Richtung Erschaffung und Entdeckung von etwas Neuem (BACON 1996, 222–223). Inventionen sind nun in den Künsten, den Wissenschaften und der Technik anzu­tref­fen, nicht aber mehr in der Rhetorik, in der bereits Gewusstes (Gefundenes) nur zu über­zeu­gen­den Argumenten zusam­men­ge­fügt wird. [CB]

      Quellen:
      BACON, Francis. The Major Works. Edited with an Introduction and Notes by Brian Vickers. Oxford/New York 1996.
    3. Seit dem 19. Jahrhundert wer­den unter Inventionen vor allem Erfindungen ver­stan­den, die von Entdeckungen unter­schie­den wer­den (KNEALE 1955). Zudem wird der Erfindungsbegriff seit­dem vor­nehm­lich im Kontext tech­ni­scher Geräte ver­wen­det. In der Technikgeschichte spielt der Begriff der Invention ent­spre­chend seit dem 19. Jahrhundert eine zen­trale Rolle. [CB]

      Quellen:
      KNEALE, William C. „The Idea of Invention“. In: Proceedings of the British Academy 41 (1955), 85–108.
    4. In der Archäologie wer­den tech­ni­sche Erfindungen als Ausgangspunkte von Innovationsprozessen ange­spro­chen. Da die Inventionsprozesse und ihre Resultate jedoch in der Regel keine Spuren im archäo­lo­gi­schen Befund hin­ter­las­sen, ent­zie­hen sie sich der empi­ri­schen Untersuchung. Inventionen sind nur indi­rekt greif­bar, wenn sie zu Innovationen geführt haben, deren raum­zeit­li­che Ausbreitung (Diffusion) sich im archäo­lo­gi­schen Befund abzeich­net. Der Innovationsbegriff ist daher im archäo­lo­gi­schen Diskurs pro­mi­nen­ter als der Begriff der Invention. [CB]

    5. Der psy­cho­lo­gi­sche Diskurs zur Erklärung von Inventionen nimmt auf beson­dere Fähigkeiten der Kreativität Bezug. Beginnend mit der Renaissance und bis ins 19. Jahrhundert wurde diese Fähigkeit in ihrer höchs­ten Ausprägung mit einem ange­bo­re­nen Genius iden­ti­fi­ziert (Geniebegriff), über den nur wenige, krea­tive Personen ver­fü­gen. In der neue­ren Kreativitätsforschung wird die Fähigkeit zu Inventionen im Rahmen der Kognitionswissenschaft unter­sucht. Das Forschungsprogramm der Creative Cognition ver­folgt das Ziel, die kogni­ti­ven Prozesse, Zustände, Fähigkeiten und Rahmenbedingungen zu iden­ti­fi­zie­ren, die Kreativität ermög­li­chen (FINKE, WARD und SMITH 1992). [CB]

      Quellen:
      FINKE, Ronald A., WARD, Thomas B., und SMITH, Steven M. Creative Cognition: Theory, rese­arch, and app­li­ca­ti­ons. Cambridge (Mass.)/London 1992. 
    6. In der Ökonomie wird auf tech­ni­sche Erfindungen als Ausgangspunkt für tech­ni­sche Innovationen Bezug genom­men. Im Unterschied zu Innovationsprozessen umfas­sen Inventionsvorgänge keine Phasen der (ver­viel­fäl­ti­gen­den) Produktion und der Diffusion. Inventionsvorgänge sind mit der Konstruktion des neuen, funk­ti­ons­tüch­ti­gen Geräts abge­schlos­sen. Eine Invention kann durch eine Privatperson oder in Unternehmen in Abteilungen der Forschung und Entwicklung erfol­gen. Im zwei­ten Fall sind sie Teil eines unter­neh­me­ri­schen Plans, ein neues Produkt her­vor­zu­brin­gen oder schon vor­han­dene Produkte zu ver­bes­sern. [CB]

    7. Im juris­ti­schen Diskurs zum Patentrecht sind tech­ni­sche Erfindungen Gegenstand recht­li­chen Schutzes. Als Patentinhaber erhält der Erfinder das Recht, ande­ren die Herstellung und Nutzung der Erfindung in einem gewis­sen Zeitraum zu unter­sa­gen. Was als paten­tier­bare tech­ni­sche Erfindung gilt, wird bei­spiels­weise in §1 und §1a des deut­schen Patentgesetzes sowie in §52 des euro­päi­schen Patentübereinkommens gere­gelt. [CB]

      Quellen:
      §1, §1a PatG 
      §52 EPÜ 
  2. Literatur zum Begriff
  3. WIENER, Norbert. Invention: The Care and Feeding of Ideas. Cambridge (Mass.)/London 1993.
  4. Weiterführende Links
  5. Eine alpha­be­ti­sche Liste wich­ti­ger Erfindungen: 
    https://www.thoughtco.com/famous-inventions-adhesives-to-automobile-1991227
    Eine chro­no­lo­gi­sche Liste wich­ti­ger Erfindungen:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Timeline_of_historic_inventions

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, „Invention“, Version 1.2, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
FUDOCS_document_000000027417


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Innovation

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INNOVATION

Version 1.1 (10.10.2017; erhal­ten am: 09.05.2017)

Autor: Christian Barth

Zum Wort
Vom lat. inno­vare (erneu­ern) abstam­mend wer­den unter Innovationen Neuerungen oder Erneuerungen ver­stan­den, die vor allem Gesellschaft, Politik, Wirtschaft oder Technik betref­fen und in Fachdisziplinen wie der Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Technikphilosophie und ver-schie­de­nen Geschichtswissenschaften unter­sucht wer­den. [CB]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte











  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In der Ökonomie spielt der Begriff der Innovation eine zen­trale Rolle. Nach Joseph SCHUMPETERS Innovationstheorie stel­len inno­va­tive Unternehmer die maß­geb­li­chen Antreiber für wirt­schaft­li­ches Wachstum in moder­nen Marktwirtschaften dar (SCHUMPETER 1912). Über Innovationen hat der Unternehmer die Möglichkeit, eine zumin­dest kurz­fris­tige Monopolstellung am Markt zu erlan­gen, die ihm aller­dings von imi­tie­ren­den Konkurrenten strei­tig gemacht wird. Von Produktinnovationen unter­schei­det SCHUMPETER orga­ni­sa­to­ri­sche Innovationen im Unternehmen und Verfahrensinnovationen der Herstellung. Von dem eigent­li­chen Innovationsprozess grenzt SCHUMPETER die vor­gän­gige Inventionsphase und die nach­fol­gende Verbreitungsphase ab. Everett ROGERS teilt unter­neh­me­ri­sche Innovationsprozesse in sechs Phasen ein, die auch die Verbreitung ein­schlie­ßen: Problem- bzw. Bedürfniserfassung, Forschung, Entwicklung, Kommerzialisierung, Verbreitung und Innovationsfolgen. Den typi­schen Verbreitungsverlauf (5. Phase) von Innovationen ver­sucht ROGERS kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­tisch zu erklä­ren (ROGERS 2003). In der Nachkriegsökonomie sind zudem eine Reihe von Modellen ent­wi­ckelt wor­den, wel­che die wesent­li­chen Aspekte von Produktinnovationen erfas­sen sol­len. Roy ROTHWELL zeich­net die fol­gende Abfolge von Modellen zwi­schen den 1960er und 1990er Jahren nach: (1) „tech­no­logy push“-Modell (späte 1950er und 1960er Jahre); (2) „need pull“-Modell (zweite Hälfte der 1960er Jahre); (3) „cou­pling model“ (1970er und 1980er Jahre); (4) „inte­gra­ted model“ (1980er Jahre); (5) „sys­tems inte­gra­tion and net­wor­king model“ (1990er Jahre). Die Abfolge die­ser Modelle reflek­tiert Befunde aus empi­ri­schen Untersuchungen und zeich­net ver­mu­tete Veränderungen in den öko­no­mi­schen Innovationsprozessen der ent­spre­chen­den Zeitspannen nach. [CB]

      Quellen:
      SCHUMPETER, Joseph. Theorie der wirt­schaft­li­chen Entwicklung. Leipzig 1912. 
      ROGERS, Everett M. Diffusion of Innovations. New York 2003. 
      ROTHWELL, Roy. „Successful indus­trial inno­va­tion: cri­ti­cal fac­tors for the 1990s“. In: R&D Management 22.3 (1992), 221–239.
    2. Im kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Diskurs wer­den Innovationen zur Erklärung kul­tu­rel­len Wandels her­an­ge­zo­gen. Homer G. BARNETT unter­sucht in sei­nem Grundlagenwerk Innovationsprozesse, die zu kul­tu­rel­lem Wandel füh­ren, deren Bedingungen und Konsequenzen (BARNETT 1953). Während sich der Innovationsbegriff im öko­no­mi­schen Diskurs auf Produkte, betrieb­li­che Organisation und Herstellungsverfahren bezieht, ver­wen­det der kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Diskurs einen weit­aus all­ge­mei­ne­ren, men­ta­len Innovationsbegriff. Jede neue Idee wird hier bereits als eine Innovation auf­ge­fasst, wobei die Ideen nur unter Umständen Ausdruck im Verhalten oder in her­ge­stell­ten Gegenständen fin­den (BARNETT 1953, 7). Ein ähn­lich all­ge­mei­ner Begriff von Innovation fin­det sich auch bei ROGERS, der aller­dings dar­auf hin­weist, dass Innovationen nur als neu emp­fun­den wer­den, aber nicht neu sein müs­sen (ROGERS 2003, 36). [CB]

      Quellen:
      BARNETT, Homer G. Innovation: The Basis of Cultural Change. New York 1953.
      ROGERS, Everett M. Diffusion of Innovations. New York 2003. 
    3. In der Soziologie wer­den vor allem die Verbreitung und die Effekte von erfolg­rei­chen Innovationen unter­sucht. Der Grund für diese Schwerpunktsetzung ist darin zu suchen, dass erst durch die Diffusion gesell­schafts­weite und somit sozio­lo­gisch rele­vante Effekte ent­ste­hen. Dies bedeu­tet, dass die Diffusionsphase von Innovationsprozessen fokus­siert wird, wäh­rend die frü­he­ren Phasen von Innovationsprozessen außen vor blei­ben. [CB]

    4. In der Archäologie sind die ers­ten Phasen von Innovationsprozessen im empi­ri­schen Befund kaum greif­bar. Das archäo­lo­gi­sche Forschungsinteresse gilt daher vor allem der Phase der Verbreitung, das sich in der raum­zeit­li­chen Verteilung archäo­lo­gi­scher Funde able­sen lässt. [CB]
  2. Literatur zum Begriff
  3. DOSI, Giovanni. „Technological para­digms and tech­no­lo­gi­cal tra­jec­to­ries“. In: Research Policy 11 (1982), 147–162.
    FINLEY, Moses I. „Innovation and Economic Progress in the Ancient World“. In: The Economic History Review 18.1 (1965), 29–45.
    BLÄTTEL-MINK, Birgit, (Hrsg.). Kompendium der Innovationsforschung. Wiesbaden 2006.
  4. Weiterführende Links

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, „Innovation“, Version 1.1, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
FUDOCS_document_000000027416


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  • Version 1.1 (diese Version) 
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Gedächtnis

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GEDÄCHTNIS

Version 1.1 (10.10.2017; erhal­ten am: 16.12.2016)

Autorin: Katharina Steudtner

Zum Wort
Das fran­zö­si­sche Wort Mémoire hat im Deutschen mit Gedächtnis (pas­siv, im Sinne eines Speichers) und Erinnerung (akti­ver Prozess, an die Tätigkeit des Erinnerns geknüpft) zwei Bedeutungen. Die Verwendung die­ser Begriffe wird im deutsch­spra­chi­gen kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen und kul­tur­his­to­ri­schen Kontext kon­tro­vers dis­ku­tiert; teil­weise wird Gedächtnis im Sinne einer „Fremd-Erinnerung“ ver­wen­det (HIMMELMANN 2000, 57). Im Zusammenhang mit den fran­zö­sisch­spra­chi­gen Arbeiten von Maurice HALBWACHS und Pierre NORA zeigt sich das Problem einer adäqua­ten sprach­li­chen Übersetzung von Mémoire, milieux de mémoire etc. ins Deutsche. [KSt]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte
















  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Als Grundannahme der sozial- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Gedächtnisforschung kann gel­ten, dass das Gedächtnis Erinnerung erst ermög­licht. Um Erinnerung zu erzeu­gen, brau­chen Menschen das Gehirn als orga­ni­sche Basis einer vir­tu­el­len und mani­fes­ten Infrastruktur, aber auch externe Erinnerungsspeicher. Erinnerbar ist, was im Austausch via Sprache, Zeichen, Geste etc. ande­ren mit­teil­bar ist. Erinnerung ist damit Form und Ausdruck mensch­li­cher Kommunikation. Hierbei kann unter­schie­den wer­den zwi­schen indi­vi­du­el­lem und sozial-kol­lek­ti­vem Gedächtnis und – in zeit­li­cher Hinsicht – zwi­schen Erinnerung als (1) Primärerfahrung im Sinne einer Zeitzeugenschaft, (2) Öffentlicher Erinnerungskultur bzw. Kommunikativem Gedächtnis als münd­li­cher, grup­pen­ge­bun­de­ner Überlieferung und (3) Geschichtswissenschaft (nach MOLLER 2010). [KSt]

      Quellen:
      MOLLER, Sabine. „Erinnerung und Gedächtnis“. Version 1.0 (12.04.2010). In: Docupedia-Zeitgeschichte.
      http://docupedia.de/zg/Erinnerung_und_Gedächtnis
    2. Der Soziologe Maurice HALBWACHS beschrieb in der ers­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus sozi­al­kon­struk­ti­vis­ti­scher Sicht, wie indi­vi­du­elle Akteure ihre Vergangenheit wie­der- und wei­ter­ge­ben und dabei ver­än­dern. Er ver­wandte hier­für den Begriff mémoire collec­tive. Von der Vergangenheit bliebe nur, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihren gegen­wär­ti­gen Bezugsrahmen rekon­stru­ie­ren kann“ (HALBWACHS 1925/1985, S. 390). Gedächtnis ist nach ihm also immer auch und zuerst ein sozia­les und aktu­el­les Phänomen. [KSt]

      Quellen:
      HALBWACHS, Maurice. Das Gedächtnis und seine sozia­len Bedingungen. Frankfurt a. M. 1985 [1925].
      HALBWACHS, Maurice. Das kol­lek­tive Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1991 [1950].
    3. Der Historiker Pierre NORA ent­wi­ckelte in den 1980er Jahren, zunächst anhand fran­zö­si­scher Beispiele, das wirk­mäch­tige Konzept der Erinnerungsorte. An bestimm­ten Orten oder his­to­risch-sozia­len Bezugspunkten kris­tal­li­siere sich das kol­lek­tive Gedächtnis einer sozia­len Gruppe (für NORA vor allem der fran­zö­si­schen Nation) aus. Sie seien not­wen­dig, da es keine Erinnerungs-kul­tu­ren – franz.: milieux de mémoire – mehr gäbe. NORA unter­schei­det fer­ner zwi­schen dem Gedächtnis, das Erinnerungen sakra­li­siere, und der Geschichtswissenschaft, die Erinnerungen sys­te­ma­tisch „ent­zau­bere“. Das Konzept wurde von STEIN-HÖLKESKAMP und HÖLKESKAMP auf die römi­sche (2006) und grie­chi­sche Antike (2010) über­tra­gen. [KSt]

      Quellen:
      NORA, Pierre. Les Lieux de mémoire. 3 Bände. Paris 1984–1992.
      STEIN-HÖLKESKAMP, Elke, und HÖLKESKAMP, Karl-Joachim, (Hrsgg.). Erinnerungsorte der Antike – Bd. 1: Die römi­sche Welt. München 2006; Bd. 2: Die grie­chi­sche Welt. München 2010.
    4. Aus his­to­risch-kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Perspektive fas­sen Aleida und Jan ASSMANN unter dem Begriff Kollektives Gedächtnis das kom­mu­ni­ka­tive und das kul­tu­relle Gedächtnis zusam­men. Während das all­tags­nahe, grup­pen­ge­bun­dene kom­mu­ni­ka­tive Gedächtnis etwa 80 Jahre umfasst, schließt das kul­tu­relle Gedächtnis nach A. und J. ASSMANN den Nachlass aller Schriften, archäo­lo­gi­schen Artefakte und Relikte und auch das imma­te­ri­elle Erbe der Menschheit ein. Träger der Vermittlung sind externe Speichermedien und kul­tu­relle Praktiken. A. ASSMANN bezeich­net sie, anknüp­fend an das „exter­nal sym­bo­lic sto­rage sys­tem“ von Merlin DONALD (1991, 311), als Wissensspeicher. [KSt]

      Quellen:
      ASSMANN, Aleida. Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kul­tu­rel­len Gedächtnisses. München 2006.
      ASSMANN, Jan. „Kollektives Gedächtnis und kul­tu­relle Identität“. In: Ders. und HÖLSCHER, Tonio, (Hrsgg.). Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988, 9–19.
      DONALD, Merlin. Origins of the Modern Mind. Cambridge (Mass.) 1991.
    5. Im Diskurs um Erinnerung, Tradition und Identität war die Auseinandersetzung mit der jün­ge­ren Geschichte und ins­be­son­dere mit dem Holocaust ein wesent­li­cher Motor. In Deutschland, Österreich, aber auch ande­ren euro­päi­schen Ländern ent­stand mit der Frage nach der Involvierung der eige­nen Gesellschaft eine neue Form gesell­schaft­li­chen Erinnerns: das nega­tive Gedenken an die eigene Schuld. Während das natio­nale Gedächtnis in der Regel auf eine posi­tive Identitätsstiftung aus der Vergangenheit zielt (z. B. durch Bezugnahme auf die natio­nale Erfolgsgeschichte oder einen gemein­sa­men Opferstatus), rich­tet sich das „Schuldgedächtnis“ auf im Namen des eige­nen Kollektivs began­gene Verbrechen und die „Frage indi­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Mitverantwortung“ (nach UHL 2010). [KSt]

      Quellen:
      UHL, Heidemarie. „Warum Gesellschaften sich erin­nern“. In: Erinnerungskulturen. Informationen zur poli­ti­schen Bildung, Bd. 32. Hrsg. vom Forum Politische Bildung. Innsbruck u. a. 2010, 5–14.
    6. Museen als Orte der Sammlung und Präsentation von Artefakten, archäo­lo­gi­sche Stätten und Baudenkmale sind als Zeugnisse mate­ri­el­ler Erinnerungskultur ein wich­ti­ger und zu bewah­ren­der Teil des kul­tu­rel­len Gedächtnisses. Entsprechend wer­den spe­zi­fi­sche Diskurse in der Anthropologie, Museologie oder Archäologie geführt (s. MACDONALD / Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage). Auch in der Denkmalpflege wird über Erinnerung debat­tiert (s. MEIER und WOHLLEBEN 2000), doch erschwert das aus­dif­fe­ren­zierte kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Themenfeld den brei­ten, kon­ti­nu­ier­li­chen Fachdiskurs (nach BINNEWERG 2013). [KSt]

      Quellen:
      MACDONALD, Sharon, und Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage.
      https://www.euroethno.hu-berlin.de/de/carmah
      MEIER, Hans-Rudolf, und WOHLLEBEN, Marion, (Hrsgg.). Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Zürich 2000. 
      BINNEWERG, Anke. „Menschen und Steine. Die Anwendbarkeit von Maurice Halbwachs‘ Thesen zu Erinnerung und Raum für die Denkmalpflege“. In: MEIER, Hans-Rudolf, SCHEUERMANN, Ingrid, et al. (Hrsgg.). Werte. Begründungen der Denkmalpflege. Berlin 2013, 90–99.
  2. Literatur zum Begriff
  3. ERLL, Astrid. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: Eine Einführung. Stuttgart 2011.
    HIMMELMANN, Nikolaus. „Archäologie gleich Erinnerung?” In: MEIER und WOHLLEBEN (s. 1.6), 47–57.
  4. Weiterführende Links
  5. Aleida Assmann. Soziales und kol­lek­ti­ves Gedächtnis.
    www.bpb.de/system/files/pdf/0FW1JZ.pdf
    Kristiane Janeke. „Zeitgeschichte in Museen – Museen in der Zeitgeschichte“. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte.

PDF Zitiervorschlag: Katharina Steudtner, „Gedächtnis“, Version 1.1, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
FUDOCS_document_000000027415


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Dinge

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DINGE

Version 1.0 (10.10.2017; erhal­ten am: 14.12.2016)

Autor: Stefan Schreiber

Zum Wort
In der grie­chi­schen Philosophie wurde häu­fig prag­mata im Sinne von Sache, Beschäftigung oder Angelegenheit ver­wen­det. Dies ent­spricht in etwa den lat. res und causa, Ding und Sache. Das in den ger­ma­ni­schen Sprachen ver­wen­dete Þing/Thing/Ding geht auf germ. *þenga- zurück und meint Übereinkommen bzw. (Gerichts-)Versammlung. [StS]

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte













  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. Im onto­lo­gi­schen Sinne wer­den Dinge seit der Antike als phy­si­sche und der Wahrnehmung zugäng­li­che Erscheinungsformen des Seins ver­stan­den. Strittig ist, was sie als Entitäten aus­macht und zusam­men­hält. Insbesondere der Atomismus LEUKIPPS und DEMOKRITS sowie die Unterscheidung in Materie/Stoff (gr. hýlē) und Form (gr. mor­phḗ) in der Substanzlehre ARISTOTELES’ (Metaphysik) präg­ten die antike Diskussion. PLATON dage­gen ent­warf in sei­ner Ideenlehre die Dinge als ver­gäng­li­che Abbilder (gr. eidos) unver­gäng­li­cher Ideen. Erst die Ideen gäben den Dingen Sein und Wesen (gr. ousía). Damit schuf er eine Unterscheidung, die René DESCARTES in einen Dualismus umwan­delte, der Leib/Körper einer­seits und Seele/Geist ande­rer­seits schied. Bis heute wirkt die­ser Dualismus in Form der Trennung von Objekt und Subjekt fort (BECKERMANN 1999). [StS]

      Quellen:
      BECKERMANN, Ansgar. „Leib-Seele-Problem“. In: SANDKÜHLER, Hans Jörg, (Hrsg.), Enzyklopädie der Philosophie, Band 1. Hamburg 1999, 766–774.
    2. Ethnologie und archäo­lo­gi­sche Praktiken und Methoden gren­zen die Untersuchung von Dingen oft auf mensch­lich her­ge­stellte oder ver­wen­dete Artefakte ein. Da sich deren Form und Funktion nach den jewei­li­gen kul­tu­rel­len Vorstellungen rich­ten, spricht man meist von Materieller Kultur oder Sachkultur (HAHN 2005). Die Ansätze unter­schei­den sich einer­seits durch funk­tio­na­lis­ti­sche und evo­lu­tio­nis­ti­sche Fragestellungen zur Entwicklung des Menschen gene­rell und ande­rer­seits zu kul­tur­spe­zi­fi­schen Herstellungsprozessen ein­zel­ner Zeit-Räume. In ers­te­rem Fall steht die Anpassungsleistung des Menschen an natür­li­che Anforderungen im Mittelpunkt. Energetischer und Ressourcenaufwand sowie tech­no­lo­gi­sche Innovationen sind die Hauptindikatoren sol­cher Artefaktentwicklung. In kul­tur­spe­zi­fi­schen Fragestellungen wer­den vor allem chrono-typo­lo­gi­sche Ausprägungen von Artefakten ana­ly­siert. Untersuchungen zu Form- und Stilentwicklungen tre­ten neben jene tech­no­lo­gi­scher chaîne ope­ra­toires (LEMONNIER 1992). Über Artefaktverbreitungen wer­den weit­rei­chende kul­tur­his­to­ri­sche Fragestellungen wie Austauschbeziehungen, kul­tu­relle Räume, Normen und Grenzen beant­wor­tet. [StS]

      Quellen:
      HAHN, Hans Peter. Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005.
      LEMONNIER, Pierre. Elements for an Anthropology of Technology. Ann Arbor 1992. 
    3. Als Zeichen- und Bedeutungsträger wer­den Dinge in semio­ti­schen und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­schen Ansätzen begrif­fen. Diese Bedeutungen wer­den den vor­ran­gig auf­grund von Form und Material fest­ge­leg­ten Funktionen ent­ge­gen­ge­stellt. Dinge kön­nen zwar ihre prak­ti­sche Funktion ein­bü­ßen, als Semiophoren – Bedeutungsträger – im musea­len oder Grabkontext jedoch immer noch als „Repräsentanten des Unsichtbaren“ (POMIAN 1988, 58) die­nen. Die mate­ri­elle Dimension von Dingen wird hier­bei auf ihre Dauerhaftigkeit redu­ziert, um die Langlebigkeit, Stabilität und den Erinnerungscharakter von Zeichen erklär­bar zu machen: Dinge wer­den zu „kris­tal­li­sier­tem Sinn“ (MIKLAUTZ 1996). Dabei ist strit­tig, wie Bedeutungen in Dinge ein­ge­schrie­ben wer­den und ob jeweils kul­tur- und milieu­spe­zi­fi­sche Bedeutungsinhalte über­haupt anhand der Form der mate­ri­el­len Kultur fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Ansätze, wel­che Bedeutungen als kul­tu­relle „Texte“ ver­ste­hen, wel­che gele­sen bzw. deco­diert wer­den könn­ten, wer­den inzwi­schen auf­grund ihrer nicht all­ge­mein gül­ti­gen Syntax und der feh­len­den Abgeschlossenheit und Kohärenz kri­tisch betrach­tet. Optimistischer wer­den dage­gen die Möglichkeiten ein­ge­schätzt, die Bedeutungsänderungen und ‑zuschrei­bun­gen anhand der kon­kre­ten Verwendungen von Dingen zu ana­ly­sie­ren (KIENLIN 2005; HOFMANN und SCHREIBER 2014). [StS]

      Quellen:
      HOFMANN, Kerstin P., und SCHREIBER, Stefan. „Materielle Kultur“. In: MÖLDERS, Doreen, und WOLFRAM, Sabine, (Hrsgg.). Schlüsselbegriffe der Prähistorischen Archäologie. Münster, New York 2014, 179–183.
      KIENLIN, Tobias L., (Hrsg.). Die Dinge als Zeichen: Kulturelles Wissen und mate­ri­elle Kultur. Internationale Fachtagung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 3. — 5. April 2003. Bonn 2005.
      MIKLAUTZ, Elfie. Kristallisierter Sinn. Ein Beitrag zur sozio­lo­gi­schen Theorie des Artefakts. München 1996.
      POMIAN, Krzysztof. Der Ursprung des Museums. Vom Sammeln. Berlin 1988.
    4. Praxeologische Ansätze der Soziologie, der Kultur- und Sozialanthropologie sowie der Archäologie begrei­fen Dinge als mate­ri­elle Bedingungen und Ergebnisse von sozia­len und kul­tu­rel­len Handlungsvollzügen. Dinge par­ti­zi­pie­ren daher an Handlungen und sind immer auch sozial. Ihnen wird ein Social Life of Things zuge­stan­den, das es z. B. mit­tels Objektbiographien zu unter­su­chen gilt (APPADURAI 1986). Das Soziale als Mensch-Mensch-Beziehung wird damit um die Untersuchung von Mensch-Ding-Beziehungen ergänzt. Dadurch ste­hen nicht die essen­ti­el­len Eigenschaften der Dinge im Fokus, son­dern die mit den Dingen ver­bun­de­nen Praktiken der Produktion, Distribution und Konsumtion inklu­sive der damit ver­bun­de­nen Bedeutungszuschreibungen und kul­tu­rel­len Verflechtungen (STOCKHAMMER 2011). Archäologisch und eth­no­lo­gisch sind diese Ansätze ins­be­son­dere mit der Konsumforschung ver­bun­den (MILLER 1987). [StS]

      Quellen:
      APPADURAI, Arjun, (Hrsg.). The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective. Cambridge 1986.
      MILLER, Daniel. Material Culture and Mass Consumption. Oxford 1987.
      STOCKHAMMER, Philipp W. „Von der Postmoderne zum prac­tice turn: Für ein neues Verständnis des Mensch-Ding-Verhältnisses in der Archäologie“. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 52.2 (2011), 188–214.
    5. In post­hu­ma­nis­ti­schen Diskursen der Philosophie, der femi­nis­ti­schen Theorie und der Kulturwissenschaften wer­den Dinge in Anlehnung an die ety­mo­lo­gi­sche Herleitung des alt­germ. Thing und der Philosophie Martin HEIDEGGERS als Versammlungen wider­strei­ten­der Bestandteile kon­zi­piert. Sie sind von Unbestimmtheit, Irritation, Eigensinn, Zufall und Abweichung geprägt. Dinge sind im Werden, in Auflösung und Neuzusammensetzung begrif­fen und damit eher Prozesse als Objekte. Das Ding wird damit zum Überbegriff für ver­schie­denste Ausprägungen und umfasst sowohl natür­li­che Phänomene, als auch je nach Konzeption nicht­mensch­li­che und mensch­li­che Bestandteile sowie ebenso vir­tu­elle und ima­gi­nierte Phänomene. Gemeinsam ist den ver­schie­de­nen Diskursen, dass sie zu einer eher onto­lo­gi­schen Sicht auf Dinge zurück­keh­ren und den Menschen als (moder­nen) Spezialfall von Ding-Versammlungen begrei­fen. Der post­hu­ma­nis­ti­sche Blick bewirkt dabei eine Verschiebung weg von den Eigenschaften und Substanzen der Dinge hin zu den Relationen und der Herausbildung von Relationen zwi­schen und in den Dingen (LATOUR 2007; BRYANT 2011). [StS]

      Quellen:
      BRYANT, Levi R. The Democracy of Objects. Ann Arbor 2011. 
      LATOUR, Bruno. Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt a. M 2007. 
  2. Literatur zum Begriff
  3. HILGERT, Markus, HOFMANN, Kerstin P., und SIMON, Henrike, (Hrsgg.). Objektepistemologien. Zum Verhältnis von Dingen und Wissen. Berlin 2018.
    HOFMANN, Kerstin P., MEIER, Thomas, MÖLDERS, Doreen, und SCHREIBER, Stefan, (Hrsgg.). Massendinghaltung in der Archäologie. Der mate­rial turn und die Ur-und Frühgeschichte. Leiden 2016.
    JOST, Susanne Christina. Pro Memoria – Das Ding. Ein Beitrag zur eth­no­lo­gi­schen Wiederentdeckung des Dings. Weimar 2001.
    SAMIDA, Stefanie, EGGERT, Manfred K. H., und HAHN, Hans Peter, (Hrsgg.). Handbuch Materielle Kultur. Bedeutungen, Konzepte, Disziplinen. Stuttgart/Weimar 2014.
    SCHREIBER, Stefan. „Von kul­tu­rel­len Objekten zu trans­kul­tu­rel­len Dingversammlungen? Archäologie aus neo-mate­ria­lis­ti­scher Perspektive“. In: Jahrbuch der a.r.t.e.s Graduate School for the Humanities Cologne 2015/16. Köln 2016, 96–106.
  4. Weiterführende Links
  5. Artikel „Materielle Kultur“ bei Docupedia
    Webseite von Hans Peter Hahn zur Materiellen Kultur

PDF Zitiervorschlag: Stefan Schreiber, „Dinge“, Version 1.0, 10.10.2017, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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