Metapher

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METAPHER

Version 1.2 (25.11.2019; erhal­ten am: 15.01.2017)

Autoren: Christian Barth, Werner Kogge, Daniel A. Werning

Zum Wort
Das grie­chi­sche Kompositum meta­phé­rein drückt ein „Anderswohintragen“ aus.

Inhalt
  1. Diskurse und Kontexte














  2. Literatur zum Begriff
  3. Weiterführende Links

  1. Diskurse und Kontexte
    1. In sei­ner Poetik bestimmt ARISTOTELES Metaphern als sprach­li­che Ausdrücke, die sich auf andere Dinge in der Welt bezie­hen als sie es in ihrem gewöhn­li­chen Gebrauch tun (Poetik 21, 1457b9–16 und 20–22). Er unter­schei­det vier Fälle des meta­pho­ri­schen Gebrauchs: (i) Die Bedeutung wech­selt von einem bestimm­ten Genus zu einer bestimm­ten Spezies. (ii) Sie wech­selt von einer bestimm­ten Spezies zu einem bestimm­ten Genus. (iii) Sie wech­selt von einer bestimm­ten Spezies zu einer ande­ren. (iv) Sie wech­selt durch ana­loge Übertragung. In der moder­nen Taxonomie figür­li­cher Rede gehö­ren die bei­den ers­ten Fälle zu den Synekdochen, der dritte Fall ist am ehes­ten als eine Metonymie auf­zu­fas­sen. Analogie-Metaphern kom­men dem moder­nen Verständnis von Metaphern am nächs­ten. In ihrem Fall wer­den laut ARISTOTELES die Verhältnisse zwi­schen jeweils zwei Dingen mit­ein­an­der in Beziehung gesetzt: So wie sich A zu B ver­hält, ver­hält sich C zu D. Die Bedeutung des meta­pho­risch gebrauch­ten Ausdrucks wech­selt in die­sem Fall von B (gewöhn­li­che Bedeutung) zu D (meta­pho­ri­sche Bedeutung) bzw. von D (gewöhn­li­che Bedeutung) zu B (meta­pho­ri­sche Bedeutung). Vergleiche wer­den von ARISTOTELES als Metaphern ver­stan­den. Ihre Besonderheit besteht nur im sprach­li­chen Ausdruck, der ein „wie“ ent­hält („A ist wie B“). Ihrer Natur nach unter­schei­den sie sich von Metaphern aber nicht (Rhetorik III, 1406b20-27). [CB]

      Quellen:
      ARISTOTELES. Rhetorik, Buch III.
      ARISTOTELES. Poetik, 21–22.
    2. Den zen­tra­len Ausgangspunkt der zeit­ge­nös­si­schen Metapherntheorie bil­det die „Interaktionstheorie der Metapher“ Max BLACKS (1996 (1954)). Grundgedanke ist hier, dass in Metaphern zwei Bedeutungssysteme mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den und zwar so, dass ein gan­zes „System asso­zi­ier­ter Gemeinplätze“ (71) auf einen Gegenstand bezo­gen wird. Die Interaktionstheorie wider­spricht der Substitutionstheorie der Metapher, also der Auffassung, die behaup­tet, meta­pho­ri­sche Formulierungen seien nur schmü­cken­des oder ver­an­schau­li­chen­des Beiwerk und könn­ten auf wört­li­che Formulierungen zurück­ge­führt oder durch sol­che ersetzt wer­den. Paul RICŒUR, ein wei­te­rer Referenzautor der Metaphorologie im 20. Jahrhundert, hat gegen Max BLACK (dem er in vie­len Punkten folgt) ein­ge­wandt, dass die Metapher nicht als eine bloße Kombination eta­blier­ter Gemeinplätze gedacht wer­den dürfe, da auf die­sem Wege eine Substitutionstheorie nicht wirk­lich über­wun­den wer­den könne. RICŒUR schlägt dage­gen vor, die Metapher als eine „seman­ti­sche Innovation“ zu ver­ste­hen, „die in der Sprache keine Stelle als schon Eingeführtes hat.“ (RICŒUR 1986, 165) Mit die­ser Zuspitzung auf das krea­tive Moment ent­steht für RICŒUR aber das Problem, wie denn jene sprach­li­chen Figuren zu bestim­men sind, die sich als meta­pho­risch aus­wei­sen, aber alt­be­kannt sind. Zur Auflösung die­ses Problems führt RICŒUR die Unterscheidung von leben­di­ger Metapher, die „zugleich Ereignis und Sinn“ (166) ist, und toter Metapher ein, wel­che „wie­der zu einer gewöhn­li­chen Bedeutung [wird]“ (166). [WK]

      Quellen:
      RICŒUR, Paul. Die leben­dige Metapher (1975). München 1986.
      BLACK, Max. „Die Metapher“ (1954). In: HAVERKAMP, Anselm, (Hrsg.). Theorie der Metapher. Darmstadt 1996, 55–79.
    3. Für die Wissenschaftstheorie wurde der Ansatz von Mary HESSE bedeut­sam, theo­re­ti­sche Erklärung gene­rell als „meta­pho­ric rede­scrip­tion of the domain of the expla­nan­dum“ (HESSE 1966, 157) zu fas­sen. HESSE geht davon aus, dass wis­sen­schaft­li­che Erkenntnisse durch Übersetzungen in sym­bo­li­sche Artefakte gewon­nen wer­den. Mit dem Begriff rede­scrip­tion bezeich­net HESSE den Übergang von einer „‘obser­va­tion’ lan­guage“ zur Neufassung „in terms of a theo­re­ti­cal model“ (ARBIB und HESSE 1986, 156). [WK]

      Quellen:
      HESSE, Mary B. Models and Analogies in Science. Notre Dame 1966.
      ARBIB, Michael A., und HESSE, Mary B. The Construction of Reality. Cambridge 1986.
    4. In der kon­zep­tu­el­len Metapherntheorie der kogni­ti­ven Linguistik (engl. Conceptual Metaphor Theory, CMT) wird, aus­ge­hend von George LAKOFF und Mark JOHNSON (LAKOFF und JOHNSON 1980), eine Metapher als ein Vergleich von Teilen zweier ver­schie­de­ner „kon­zep­tu­el­ler Domänen“ defi­niert. Dabei wird die eine, das Vehikel/der Bildspender, als Quelldomäne (z. B. Reise), die andere als Zieldomäne (z. B. Liebe) bezeich­net (engl. source domain, tar­get domain). Angesprochen wird die kon­zep­tu­elle Metapher in Formeln wie z. B. „Liebe ist eine Reise“. Die Interpretation der Metapher ergibt sich durch eine zumeist selek­tive, kogni­tive Überlagerung der zwei ver­gli­che­nen Domänenausschnitte (Conceptual Blending Theory). Die CMT inter­es­siert sich u. a. für die kon­zep­tu­el­len Metaphern zugrun­de­lie­gende Lebenserfahrungen, z. B. für mög­li­che kör­per­li­che Grundlagen. Hier rückt auch die Frage der Kulturabhängigkeit von Metaphern in den Blick. Konzeptuelle Metaphern wer­den nicht nur in sprach­li­chen Medien unter­sucht, son­dern auch in z. B. Gesten, Architektur und Bildern (bedeu­tend ist groß). Im Rahmen der CMT kön­nen auch expli­zite Vergleiche mit „wie“ als „signa­li­sierte“ Metaphern ver­stan­den wer­den. Im Unterschied zur Metapher stellt die Metonymie eine Ersetzung eines Begriffs durch einen ande­ren inner­halb ein und der­sel­ben kon­zep­tu­el­len Domäne dar, z. B. das Weiße Haus für den/anstelle des US-ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten. Angesprochen wird die kon­zep­tu­elle Metonymie mit Formeln wie „Das Weiße Haus steht für den US-ame­ri­ka­ni­schen Präsidenten“). Nach RICŒUR wird nur zwi­schen „toten“ Metaphern und innovativen/„lebendigen“ Metaphern unter­schie­den (siehe oben). Ein zwei­di­men­sio­na­les Klassifizierungsmodell hat Cornelia MÜLLER (2008) vor­ge­schla­gen: Sie unter­schei­det (i) eine über­in­di­vi­du­ell-ver­all­ge­mei­nernde, gesamt­sprach­li­che Klassifizierung aus Forscher*innen-Sicht von einer (ii) Klassifizierung der Metaphern-Verwendung im kon­kre­ten Kontext (Pragmatik). Im ers­ten Fall unter­schei­det sie zwi­schen novel, ent­ren­ched und his­to­ri­cal meta­phors, im zwei­ten Fall zwi­schen waking und slee­ping meta­phors. Damit las­sen sich u. a. Phänomene beschrei­ben, bei denen der Metaphern-Charakter ein­ge­bür­ger­ter, d. h. nor­ma­ler­weise nicht kogni­tiv als Metaphern ver­ar­bei­te­ter Metaphern in einem kon­kre­ten Verwendungskontext ins Bewusstsein geho­ben wird („Erwecken von schla­fen­den Metaphern“). Die CMT inter­es­siert sich zwar auch für „inno­va­tive“, aber ins­be­son­dere für „ein­ge­bür­gerte“ und „his­to­ri­sche“ Metaphern/Metonymien. [DW]

      Quellen:
      LAKOFF, George, und JOHNSON, Mark. Metaphors We Live By. Chicago 1980.
      (dt. Leben in Metaphern: Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Aus d. Amerikan. übers. von Astrid Hildenbrand. Heidelberg 1998.)
      RICŒUR, Paul. Die leben­dige Metapher (1975). München 1986.
      MÜLLER, Cornelia. Metaphors Dead and Alive, Sleeping and Waking. A Dynamic View. Chicago 2008.
      KÖVECSES, Zoltán. Metaphor. A Practical Introduction. Oxford 2010.
  2. Literatur zum Begriff
  3. DEBATIN, Bernhard. Die Rationalität der Metapher: Eine sprach­phi­lo­so­phi­sche und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­sche Untersuchung. Berlin 1995.
    GEHRING, Petra. „Das Bild vom Sprachbild. Die Metapher und das Visuelle“. In: DANNEBERG, Lutz, SPOERHASE, Carlos, und WERLE, Dirk, (Hrsgg.). Begriffe, Metaphern und Imaginationen in Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Wiesbaden 2009, 81–101.
    HAVERKAMP, Anselm, (Hrsg.). Theorie der Metapher. Darmstadt 1983.
    KOGGE, Werner. „Grammatische Untersuchung und Metapherntheorie. Wie (und wie nicht) Philosophie eine kri­ti­sche Untersuchung des Sprachgebrauchs leis­ten kann“. In: Experimentelle Begriffsforschung. Philosophische Interventionen am Beispiel von Code, Information und Skript in der Molekularbiologie. Weilerswist 2017, 257–276.
  4. Weiterführende Links
  5. Open Access Fachzeitschrift metaphorik.de

PDF Zitiervorschlag: Christian Barth, Werner Kogge und Daniel A. Werning, „Metapher“, Version 1.2, 25.11.2019, ORGANON ter­mi­no­logy tool­box, Berlin: eDoc-Server der Freien Universität Berlin.

PDF DOI: http://dx.doi.org/10.17169/
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Versionsgeschichte
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